Die Stradivarius «Milanollo» von 1728


Die Stradivarius

«Milanollo» von 1728

Als ein typisches Instrument aus der letzten Periode von Stradivarius ist seine Form breit und kräftig, und sind seine Wölbungen voll. Es vermittelt den Eindruck großer Reife. Man errät die noch sehr sichere Hand des Geigenbauers, wenn man auch schon weit entfernt ist von der Perfektion der «Dragonetti» von 1706. Das macht das Instrument für uns nur umso ergreifender – Stradivarius war mehr als 84 Jahre alt, als er mit seinem Bau begann! Der Boden setzt sich aus zwei Ahornstücken mit kleinen, dicht beieinander liegenden Wellen zusammen und steigt an den Rändern leicht an. Die Decke, die mit eleganten F-Löchern versehen ist, besteht aus zwei feinporigen Fichtenstücken. Die kräftige Schnecke hat ihre schwarz getönte Fase bewahrt. Der Lack – orange auf goldbraunem Grund – ist von außerordentlicher Schönheit.

Jean-Baptiste Viotti

Die Geschichte der «Milanollo» beginnt mit dem Virtuosen Jean-Baptiste Viotti, auf den praktisch alle modernen Violinschulen zurückgehen, und der den Violinen von Stradivarius als erster Künstler in vollem Umfang gerecht wurde. 1782 nach Frankreich gekommen, macht er dort Furore und übt einen entscheidenden Einfluss auf den Instrumentenbau im Land aus – insbesondere auf zwei seiner berühmtesten Vertreter: Nicolas Lupot und François Tourte. Er wird ein Schützling Marie-Antoinettes und anderer bedeutender Persönlichkeiten am Hof, muss jedoch 1792 unter der Bedrohung der Revolution nach England fliehen, vollständig ruiniert. Dort begegnet er dem Kontrabassisten Domenico Dragonetti, der ihn finanziell unterstützt und ihm (wahrscheinlich) die Stradivarius von 1728 abkauft. Dragonetti wird das Instrument bis zu seinem Tod im Jahre 1846 behalten.

Domenico Dragonetti

Im Testament von Dragonetti findet sich folgender Satz: «Ich vermache diese Violine, die von Paganini gespielt wurde, Teresa Milanollo.» Dieser Vermerk ist interessant; schauen wir uns einen Moment die Gemeinsamkeiten zwischen Dragonetti und Paganini an. Sie sind beide Italiener, stammen beide aus bescheidenen Verhältnissen, haben beide einen Amateurmusiker zum Vater und zählen beide zu den größten Virtuosen ihrer Zeit. Paganini,der genau wie Dragonetti für die Antiken und die alten Instrumente schwärmte, besass unter anderen Wunderwerken ein komplettes Quartett von Stradivarius. Und schließlich hat auch das Genie aus Genua sein Instrument seiner Heimatstadt vermacht – die «Il canone» genannte Violine von Guarnerius del Gesù aus dem Jahre 1742, die im Palazzo Tursi aufbewahrt ist. So wird Teresa Milanollo also mit 19 Jahren Erbin des berühmten Instrumentes, das künftig ihren Namen trägt.

Teresa Milanollo

Geboren am 28. August 1827 in Savigliano (Piemont), beginnt Teresa Milanollo schon sehr jung mit dem Studium der Violine und wird um 1837 die Schülerin von Charles Philippe Lafont. Sie setzt ihre Ausbildung bei François-Antoine Habeneck und Charles-Auguste de Bériot fort, bevor sie ihre Kunst ihrer um fünf Jahre jüngeren Schwester Maria übermittelt. Ab 1840 treten die beiden als Duo auf und begeistern ganz Europa. In Frankreich sind Publikum und Kritiker voll des Lobes für ihre Virtuosität und ihre große Musikalität. Teresa, die seit 1846 Dragonettis Violine spielt, schenkt ihrer Schwester die Stradivarius «Hembert-Milanollo» von 1703, die ihr Vater 1841 beim Geigenbauer Nicolas Darche in Aachen für sie gekauft hat.

Christian Ferras

Vollkommen erschöpft von den unablässigen Reisen, stirbt Maria 1848 an Tuberkulose. Die «Hembert-Milanollo» wird an den Grafen von Pommery verkauft. Teresa, für die der Tod ihrer Schwester ein schwerer Schlag ist, tritt nur noch wenige Mal auf und gibt ihre Karriere als Konzertviolinistin nach ihrer Heirat mit dem Geniekapitän Parmentier endgültig auf. Sie stirbt am 25. Oktober 1904 in Paris und ruht auf dem Friedhof Père Lachaise im Grab der Familie des Generals. Die Erben beschliessen, ihre Violine zu verkaufen, und mit ihr einen wunderschönen, goldgefassten Bogen von Dominique Pecatte, den die Lyoner Musikgesellschaft Teresa 1846 gewidmet und geschenkt hatte. Die Londoner Firma Hill & Sons findet einen Käufer in Bombay (!), einen gewissen Herrn Ratnagar, und holt die «Milanollo» 1967 nach Europa zurück, wo sie der französische Violinist Christian Ferras erwirbt. Das Instrument wird für ihn während 15 Jahren zum Ausdrucksmittel seiner Kunst, besonders anlässlich von Konzerten und Plattenaufnahmen mit den Berliner Philharmonikern und ihrem Dirigenten Herbert von Karajan.

Pierre Amoyal

Bei Ferras’ vorzeitigem Tod wechselt die Violine in den Besitz eines anderen großen Violinisten, Pierre Amoyal,

der die «Milanollo» von 1990 an spielt, als Ersatz für seine Stradivarius «Kochanski» von 1717 (das Instrument wurde am 15. April 1987 in Saluzzo gestohlen und nach zahlreichen Zwischenfällen vier Jahre später wieder gefunden).

Corey Cerovsek, würdiger Erbe dieser aussergewöhnlichen Künstler, spielt die «Milanollo» seit 2004.


Monika Csampai
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