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Slow Music vs. Fast Food oder Ketchup auf den Dolomiten

von Filippo Faes

Als ich vor vielen Jahren um die Welt reiste  und Konzerte auf Kreuzfahrtschiffen gab, kam ich einmal zusammen mit anderen Passagieren auf eine polynesische Insel. Ich erinnere mich nicht mehr, welche Insel es war – vielleicht Rangiroa oder Papetee – aber ganz genau erinnere ich mich daran, dass auf dem kleinen Boot, das uns zum Strand brachte, viele Menschen zu Tränen gerührt waren, als sie die Farben des Meeres sahen. Die Lagune schimmerte transparenter als der Himmel. Zur Begrüßung hatten einige Fischer frisch gefangene Fische für uns zubereitet.

Ich sah mir die Fische an, ihre für mich ungewohnten und neuen Formen, die schillernden Farben, und stellte mir vor, dass sie noch kurz zuvor in diesem Wasser geschwommen waren, von eben den Göttern geschaffen, die diese Natur erfüllten, als Teil einer Kosmogonie, die jedes Element dieser Welt einschloss – so dass vielleicht jeder Fisch einen Geist verkörperte, einen Vorfahren oder eine Erscheinung aus jenem Meer oder aus den Legenden der Inselbewohner. Das Geschenk der Fischer anzunehmen und die Fische zu probieren kam mir regelrecht wie eine Kommunion mit dem Meer und mit jener so andersartigen Kultur vor.

In meiner Nähe war eine Gruppe amerikanischer Passagiere, die mit ihren Kindern unterwegs waren. Vielleicht um die Kinder zufrieden zu stellen wandte sich einer von ihnen zuerst an unseren Reiseleiter, dann an einen der Fischer und fragte, wo man Ketchup finden könnte. Zum Glück gab es davon keine Spur, wahrscheinlich im Umkreis etlicher Meilen. Doch die Vorstellung hatte mich verstört, und ich fragte mich warum. Warum also wollten diese Leute in dem Moment, in dem sie die in ihrem Leben vermutlich einzigartige Erfahrung machen konnten, einen Geschmack zu kosten, den es dort und nur dort gab, diese Erfahrung abschwächen und den Geschmack angleichen an das, was sie an jedem Tag ihres Lebens in Dallas, Atlanta oder Toledo, Ohio schmecken konnten?

Damals habe ich es vorgezogen, die Frage auf sich beruhen zu lassen und beglückt meinen Fisch zu essen.

Aber einige Jahre später fiel mir die Episode in einer ganz anderen Situation wieder ein. Nach starkem Schneefall war der Giau-Pass auf den Dolomiten bei Cortina d’Ampezzo gerade wieder geöffnet worden. Der Giau ist ein mythischer Ort für den, der ihn kennt, man kann das Knistern der Tannen hören, die die Berge einrahmen und dann Felsen und Steilwänden Platz machen, von denen jede einzelne eine Geschichte erzählen könnte, vom verlorenen Reich König Laurins, von Hexen, Feen oder dem sagenhaften Volk der Fanes. Dorthin wollte ich und oben auf dem Pass in einer Hütte übernachten. Als ich in die Hütte trat, wurde ich sofort von einer Hintergrundmusik eingehüllt, in ziemlich hoher Lautstärke. Es hätte jeder beliebige gerade aktuelle amerikanische Popstar sein können, es war genau die Art Musik, die man in jedem Flughafen oder Restaurant in Dallas, Atlanta oder Toledo, Ohio zu hören bekommt. Warum hat mich ausgerechnet hier, wo der Klang von Tannen, Felsen und unserer Fantasie einzigartig und unverwechselbar ist, so sehr getroffen, von dieser globalisierten Musik überrollt zu werden? Und vor allem: was war das für eine Musik?

Plötzlich war mir klar: Es war Ketchup, es war musikalisches Ketchup, das tagaus tagein überall über unsere Klanglandschaften gekippt wird, in Restaurants, in Cafés, Wartezimmern, Flughäfen und U-Bahnen, um gleichzumachen, um zu vereinheitlichen und jegliche Vielfalt auszulöschen.

In diesem Sinne dienen 99% der kommerziellen Musik, die in unserem Alltag den Rhythmus angibt, der Mission der großen Fast-Food-Ketten. Tatsächlich schmeckt ein Hamburger immer gleich, egal ob man ihn in Tahiti isst, wo die Fische zwischen Korallen im durchsichtigsten Wasser der Welt schwimmen, oder in Florenz, wo man, wenn man lange sucht, noch Gewürze schmecken kann, die schon Lorenz der Prächtige kannte.

Genau entgegengesetzt unterstreicht hingegen die Philosophie vom „Slow Food“das Recht auf Unterschiede, auf die Einzigartigkeit und Komplexität einer jeden Tradition, aus der ein Gericht entsteht, das langsam und meditativ genossen werden muss, das man kostet, um mehr und mehr von der Kultur und der Besonderheiten der Welt, aus der es kommt, zu entdecken. Genauso wird jedes klassische Musikstück wie ein Knotenpunkt im Zentrum eines Netzes historischer, kultureller und künstlerischer Ereignisse geboren – und von Ereignissen im Leben des Komponisten.  Davon so viel wie möglich zu verstehen, den eigenen Horizont zu erweitern, sich die Musik zu eigen zu machen, sich dafür so viel Zeit wie nötig zu nehmen, und sich auf unseren inneren Rhythmus einzulassen, bedeutet, einen Weg ständiger neuer Entdeckungen einzuschlagen, der immer wundersamer wird, je besser man ihn kennt. Und noch mehr bemerkt man, dass die Fähigkeit zu wählen, neue Erfahrungen zu machen, sich neue Kenntnisse anzueignen, grenzenlos ist. Diese Fähigkeiten zu entwickeln – unser Gefallen an der Kultur zu entwickeln – lässt uns intensiver leben, und es wird ein politischer Akt, reich durch die Einflüsse und Konsequenzen der Welt, in der wir leben.

© Filippo Faes 2008 (Übersetzung: Babette Dorn)


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