Konstantia Gourzi (PR)

Interview mit der griechischen Komponistin und Dirigentin Konstantia Gourzi, erschienen im griechischen Musikmagazin e-orfeas.gr am 30/8/2011

Lehren ist eine Berufung


Konstantia Gourzi ist eine hochangesehene griechische Dirigentin und Komponistin, die in Deutschland lebt und arbeitet. Sie ist Professorin an der Hochschule für Musik und Theater in München, hat die gesamte Welt bereist und regelmäßig mit international herausragenden Orchestern zusammengearbeitet. Vor allem aber fördert sie durch Projekte, die sie im Rahmen ihrer Lehrtätigkeit an der Münchner Musikhochschule ins Leben gerufen hat, einen modernen musikalischen Ausdruck; zuletzt indem sie das Netzwerk und Ensemble opus21musikplus gegründet hat, ein künstlerisches und pädagogisches Projekt, das sich die Förderung einer zeitgenössischen musikalischen Kreativität, und dies nicht nur bei Kindern, auf die Fahnen schreibt. Aus Anlass eines bedeutenden kulturellen und gesellschaftlichen Ereignisses, das am 11. September in München stattfinden wird, aber auch im Hinblick auf ihre im kommenden Winter anstehenden Auftritte in Griechenland haben wir das folgende Interview mit ihr geführt.

Frau Gourzi, sie haben sowohl als Dirigentin als auch als Komponisten internationale Anerkennung erlangt. Bevorzugen Sie eine ihrer beiden Eigenschaften mehr als die andere, und wenn ja, warum?
Konstantia Gourzi:
Ich liebe beide Eigenschaften gleichermaßen, denn die eine ergänzt die jeweils andere. Inzwischen könnte ich weder den einen noch den anderen Beruf für sich alleine ausüben.

Sie haben unter anderem mit dem Philharmonischen Orchester Straßburg, mit den Radio-Sinfonieorchestern Frankfurt, Stuttgart und München, mit dem Weltjugendorchester und dem Philharmonischen Orchester Israels zusammengearbeitet, und dies in einer Zeit, in der Frauen auf dem Dirigentenpodium nach wie vor eine Seltenheit sind. Können Sie als Frau aus eigener Erfahrung bestätigen, dass in ihrem Wirkungsbereich geschlechtliche Diskriminierung existiert?
K.G.:
Allein die Tatsache, dass sehr wenige Frauen auf dem Podium stehen, erfüllt schon den Tatbestand der Diskriminierung. Ich meinerseits habe aber keinen Gedanken an diesen Sachverhalt verschwendet, als ich meine Karriere startete. Vielmehr überließ ich mich einfach der Kraft, die mich dazu angetrieben hat, meine Studien und alles, was ihnen folgte, zu verwirklichen. Freilich ist mir durchaus bewusst, dass es für viele andere nicht im selben Maß selbstverständlich gewesen ist wie für mich. Das wurde mir allerdings erst viel später klar. Ich weigere mich einfach, mich mit den Regeln und Gepflogenheiten des Establishments zu befassen. Schließlich wird Geschichte gemacht, sie ist nicht etwas Gegebenes.

Sie haben als Professorin an der Musikhochschule Berlin gelehrt und sind heute an der Musikhochschule von München für die Ensembles für Musik des 20. Jahrhunderts verantwortlich. Sagen Sie uns doch einige Worte zu Ihrer Lehrerfahrung, und zwar ausgehend von der Tatsache, dass die "Lehrer" zu den bedeutendsten Personen im Leben eines Menschen gehören.
K.G.:
Lehren ist eine Berufung. Was ich von meinen Studenten gelernt habe und nach wie vor lerne, ist, dass das Lernen nicht nur etwas Handfestes und Gegebenes, sondern zugleich auch ein fließender Prozess ist. Indem man die Technik lehrt, erlernt man sie auch von Tag zu Tag aufs Neue. Um aber die Technik zum Sprechen zu bringen und in die Lage zu versetzen, mit dem Publikum zu kommunizieren, bedarf es etwas anderes, etwas, das darüber hinausgeht, etwas, das man nicht einfach so erlernt, um es weiterzuvermitteln. Die Erfahrung selbst wird zur Lehre, die ihrerseits ein fortwährendes Lernen auch für mich selbst darstellt. Dieser Umstand erfüllt mich mit einem zunehmend größeren Verantwortungsgefühl und sensibilisiert stetig mein Bewusstsein für die Rolle des Künstlers heute. Dafür, was wir der nachfolgenden Generation in die Hände geben und wie wir ihr als Vorbilder vorangehen.

Sie haben die gemeinnützige Gesellschaft opus21musikplus gegründet, die unter anderem ein Education-Programm entwickelt hat, das Kindern im Grundschulalter eine unmittelbare und substantielle Berührung mit der Musik ermöglicht. Sagen Sie uns etwas zu den Zielen dieses Programms und zu Ihrer Arbeit mit Kindern in solch einem zarten Alter.
K.G.:
Den Kindern verdanken wir nichts Geringeres als die Chance, als verantwortliche und reife Wesen jeden Tag aufs Neue an einer besseren Gesellschaft bauen zu dürfen. Um also in Zukunft intakte Bürger zu erhalten, müssen wir ihren Alltag, ergo ihre musikalische Bildung, ergo auch ihr musikalisches Erleben so früh wie möglich mit der höchstmöglichen Qualität ausstatten. Je kleiner die Kinder sind, umso eher ist ihre emotionale Intelligenz in der Lage, die Qualität aufzunehmen und zu bewahren. So wird den Kindern schon sehr früh ein festes Vergleichsmaß zur Verfügung gestellt, auf das sie später immer wieder zurückgreifen können. Das Programm stützt sich auf die herrschaftslose Lehre, die vom Lehrenden ausgearbeitet und angeleitet wird. Dem Druck, beispielsweise, etwas machen zu müssen, um etwas zu lernen, wird hier ein Verständnis vom Lernen entgegengesetzt, das auf die Erfahrung des intensiven Erlebens der schöpferischen Tätigkeit fußt, wodurch der Lernprozess effektiver und nachhaltiger gestaltet wird. Dieser Ansatz hat sich binnen kürzester Zeit überaus positiv auf die Persönlichkeit der Kinder ausgewirkt und ihre gesunde Entwicklung begünstigt. Selbst bei so genannten Problemkindern kam es nach einem Jahr zu einer spürbaren Abschwächung ihres "Problems". Das Sozialverhalten wird gefördert, und dies stellt eine solide Grundlage für die spätere Konfrontation mit der Gesellschaft dar.

In einem Interview haben Sie gesagt, dass "ich mich als Künstlerin der Gegenwart empfinde, die sich nicht allein nach den traditionellen und konventionellen Pfaden auszurichten, sondern auch die Entwicklung der Geschichte anzuerkennen und unter Rückgriff auf Phantasie, die modernen Möglichkeiten, ihre eigenen Anschauungen und nicht zuletzt ihren Instinkt die Vergangenheit in die Gegenwart zu übertragen hat". Haben Sie das Gefühl, dass diese Auffassung auch von anderen zeitgenössischen Künstlern geteilt wird bzw. überhaupt in der heutigen Kunst verbreitet ist?
K. G.:
Glücklicherweise in zunehmendem Maße. Es gibt inzwischen eine zwar noch kleine, aber international zunehmend spürbarere Tendenz hin zur Verschiebung der Formen und zur Veränderung der Präsentation eines Konzerts oder eines Konzertprogramms, indem man es beispielsweise zugleich durch andere Kunstformen anreichert. Zudem lässt sich immer stärker das Bedürfnis nach einer Erneuerung der musikalischen Kombinationsformen wahrnehmen. Dabei ist in Musikerkreisen dieses Bedürfnis stärker ausgeprägt als etwa noch unter Bildenden Künstlern. Da aber in den heutigen Gesellschaften, deren Wandel in sehr hohen Geschwindigkeiten vonstattengeht, der durch Wiederholungen ausgelöste Überdruss inzwischen stetig anwächst, wird sich sehr bald die Notwendigkeit nach einer anderen Kunstauffassung und einem anderen Umgang mit der Kunst auf breiter Basis durchsetzen.

2003 wurden Sie von der Deutschen Staatsoper Berlin beauftragt, Josef Haydns Oper "Philemon und Baucis" zu ergänzen und ihr in Form eines musikalischen Dialogs zwischen dem 18. und dem 21. Jahrhundert eine moderne Darstellungsform zu verleihen. Erzählen Sie uns von dieser Erfahrung, unter Berücksichtigung der Tatsache der Wichtigkeit und der Verantwortung, die der Aufgabe innewohnt, die Gedanken eines großen klassischen Komponisten zu "vervollständigen".
K. G.:
Ich habe nicht einen Augenblick lang das Gefühl gehabt, noch war es mein Anliegen, das Denken des Komponisten zu vervollständigen; etwas anderes wäre es freilich, wenn er es höchstpersönlich von mir verlangt hätte. Ich hatte lediglich das Bedürfnis, die verlorengegangenen Fragmente der Komposition mit neuen musikalischen Elementen aufzufüllen, so dass eine neue musikalische Empfindung entstehen konnte, die im Wesentlichen die Zeit annulliert. Dabei habe ich das Werk von Regeln und Verengungen befreit und ihm somit geradezu zwangsläufig eine neue Form verliehen. Die Suche nach neuen Formen ist ohnehin eines meiner Hauptanliegen in meiner Auseinandersetzung mit der Musik und darüber hinaus.
So habe ich also unter Zuhilfenahme meiner Phantasie einen hypothetischen Grund für die Komposition dieser Oper kreiert, den ich Haydns unterstellt habe, und habe mich daraufhin in dessen Rahmen bewegt. Ich orientierte mich am Libretto, und dieses leitete mich bis ans Ende. Das Ergebnis ist unter anderem, dass über all die Jahre hinweg zu allen Aufführungen in allen Städten, in denen bis heute dieses musikalische Unternehmen präsentiert worden ist, Zuschauer gekommen sind, die bis dahin noch nie einer Oper beigewohnt hatten. Gemeinsam ist ihnen das Bedürfnis, diese Vereinigung der zwei unterschiedlichen zeitlichen Perioden selbst zu erleben. Indem die eine die jeweils andere auf eine unkonventionelle Art und Weise ergänzt, entsteht eine völlig neuartige musikalische Vermählung. Dadurch wird die alte, aber auch die neue Komposition zwangsläufig in ein völlig anderes Licht gesetzt, als wenn jede von ihnen getrennt gespielt worden wäre, und darüber hinaus das Gefühl des Vergleichs außer Kraft gesetzt.

Sie haben bisher 8 CDs herausgegeben, wovon einige bei großen Plattenlabels wie Naxos und Neos erschienen sind. Dabei fällt die Verschiedenartigkeit der Musikgenres auf. In einigen Alben wirken sie als Dirigentin mit, in anderen begegnen wir Ihren Filmmusik-Kompositionen, in anderen wiederum erleben wir die jazzige Seite Ihrer Kompositionen, in anderen schließlich präsentieren sie zeitgenössische Musik. Können Sie sich in all diesen unterschiedlichen Genres gleichermaßen ausdrücken, oder befindet sich eines davon näher an ihrem Herzen?
K. G.:
Es gibt ein Etwas, das sich durch alle Musikgenres zieht und sie miteinander verbindet. Das Bedürfnis nach Improvisation in Verbindung mit dem Bewusstsein, dass alle Genres der Musik, unabhängig davon, ob es sich um geschriebene oder ungeschriebene Musik handelt, nur ein einziges Mal existieren bzw. "leben": und zwar während ihrer Interpretation im Konzert. Diese Feststellung allein übt schon eine derartige Anziehungskraft auf mich aus, dass ich mich veranlasst sehe, sie selbst im Umgang mit Beethovens Symphonien zu überprüfen und zu befolgen, indem ich improvisiere, oder, besser gesagt, untersuche, ob das Tempo und die Dynamik, wie sie vom Komponisten vorgegeben sind, heute noch in einem solchen Maße akzeptabel und verständlich sind, dass sie das Publikum berühren können. Selbst Ton- bzw. Musikaufnahmen werden ab einem bestimmten Augenblick unzeitgemäß, stimmt doch ihre Interpretation nicht mit der jeweils gegenwärtigen gesellschaftlichen Zeit überein. Ich gehe stets vom Standpunkt des Bedürfnisses, mit dem Publikum mittels der jeweiligen Musik in eine lebendige Kommunikation zu treten, und nicht von der Erwartungshaltung aus, sie einfach zu wiederholen, indem ich sie wiederaufleben lasse, wie es andere vor mir bereits getan haben.

Für ihre CD "Conjuction-Synápsies" haben sie geistliche Dichtung, aber auch Texte von Sappho und Heraklit verwendet, die Sie mit einer Mischung aus östlichen und westlichen Instrumenten sowie einem Psalmensänger, Vassilis Agrokostas, als Hauptstimme vertont haben: eine in der Tat bemerkenswerte Kombination. Sagen Sie uns einige Worte zu diesem Werk, das ab kommenden Herbst auch in Griechenland auf den Markt kommen wird.
K. G.:
Nachdem ich in einem bestimmten Augenblick, vor einigen Jahren schon, meine musikalischen und sonstigen Wurzeln akzeptiert habe, wollte ich sie in dieser Komposition mit den Kenntnissen vermählen, die ich mir während meiner Studien in Deutschland angeeignet hatte. Das Ergebnis dieses Bedürfnisses führte mich zu dieser Kombination, die mir einen sehr breiten Weg der Vertiefung und Kontinuität gebahnt hat, etwas, worüber ich sehr glücklich bin, denn die Pfade, die sich aufgrund dessen eröffnen, sind geradezu unermesslich.

Ihnen wurde die Ehre zuteil, für das Erzbistum München-Freising ein Werk für das Gedenkkonzert anlässlich des zehnten Jahrestages des Terrorangriffs auf das World Trade Center in New York zu komponieren. Dem Konzert, das am 11. September 2011 auf dem Münchner Opernplatz stattfinden wird, werden Spitzenpolitiker aus der ganzen Welt beiwohnen. Bestritten wird es von international anerkannten Künstlern aus den USA, Brasilien, Deutschland, Griechenland und Marokko sowie den Musikern des Ensembles opus21musikplus und dem Kinderchor der Münchner Oper. Dies alles hört sich für mich sehr eindrucksvoll an, und ich empfinde Stolz, dass eine Griechin mit der künstlerischen Leitung dieses herausragenden Kulturevents betraut wurde. Erzählen Sie uns von Ihren Gefühlen, aber auch von der organisatorischen Verantwortung dieses Projekts.
K. G.:
Die Gefühle, die ich im Hinblick auf diese Veranstaltung empfinde, sind zahlreich und komplex, denn ihr Ausgangspunkt ist ein bestimmtes, vorgegebenes Ereignis aus der Vergangenheit, das man mit einer solchen Veranstaltung gewissermaßen zurückruft, um sich unter anderem seiner zu erinnern. Meine Ausgangsfrage war, welche Form und welche Energie ich diesem Ereignis geben sollte, so dass dieses Gedenken nicht ausschließlich rückwärtsgewandt, d. h. nur auf die Vergangenheit gerichtet wäre. Das heißt, auf rein musikalischer Ebene komponiere ich nur ein Lamento, wohlgemerkt als Teil des Lebens, so tragisch dieser auch sein mag, und erinnere, im weiteren Verlauf, daran, dass das Leben nichtsdestotrotz vorwärts schreitet.
Das Konzert setzt mit einem musikalischen Portrait Amerikas ein, in dessen Rahmen ich auf amerikanische Musikstile wie den Blues und die Gospelmusik zurückgreife, um damit eigene Melodien zu variieren. Es folgt der Klang der Katastrophe, der durch verschiedene Schlaginstrumente erzeugt wird, es schließt sich eine Schweigeminute an und daraufhin bringen - stets auf der Grundlage meines eigenen musikalischen Materials - Vertreter verschiedener Kulturen und Religionen ihre Trauer auf verschiedene Art und Weise singend zum Ausdruck: ein arabischer Sänger, ein orthodoxer Psalmist und ein Operntenor. Weil aber das Leben weitergeht, erklingen danach kindliche Stimmen, die gerade dies mit einer Hymne an den Frieden und an die Liebe zum Leben in Erinnerung rufen. Die Aufführung des Werks erfolgt nach szenischen Gesichtspunkten. Unter Ausnutzung des Raumes wollte ich das Ereignis musikalisch zur Darstellung bringen. Und hierbei verknüpfe ich auf musikalischer Ebene die zeitgenössische Musik mit der Improvisation und der Tradition.

Dieses Projekt gibt mir die Gelegenheit nachzufragen, wie Sie selbst die gegenwärtigen internationalen Entwicklungen wahrnehmen. Überall herrschen Angst und Unsicherheit, Kriminalität und ökonomische Sackgassen vor. Wo liegen ihrer Meinung nach die Ursachen dafür? Glauben Sie, dass sich das Blatt in der Zukunft zum Besseren wenden wird, oder gibt es keinerlei Hoffnung auf Rettung mehr?
K. G.:
Eine Wende kann erst eintreten, wenn folgende zwei Voraussetzungen erfüllt werden: a) wir uns unserer Rollen vergegenwärtigen, die wir in der Gesellschaft als Menschen innehaben und nicht in Verbindung mit den "Stühlen", an denen wir kleben; und b) wir uns selbst und unserer geistigen Entwicklung mit Verantwortung gegenübertreten. Weil der Materialismus vollständig von uns Besitz ergriffen hat, ist uns ein wesentliches Lebensfaktum abhanden gekommen: dass wir alle gemeinsam eines Tages, ob früher oder später, dem Tod ins Gesicht sehen werden. Wir kommen und gehen - einfach so. Wenn es uns also gelingt zu realisieren, dass wir ein vorübergehendes Dasein fristen, werden wir die Verhältnisse auch zu ändern in der Lage sein.
Die Angst, die Unsicherheit, die Kriminalität sind Folge unserer gegebenen, sozial bedingten Einsamkeit, von der wir uns vergeblich freizukämpfen versuchen, indem wir uns schnaubend auf die Suche nach Aufmerksamkeit, nach Pflege, nach einer Rolle, nach einem "Stuhl" begeben. Wenn aber die Welt aus den Angeln gerät und der "Stuhl" verrückt wird oder ganz verschwindet, geraten auch die Türme in Bewegung, die einst aufgebaut worden waren, mit der Folge, dass in der Unsicherheit der unter unseren Füßen entstandenen Unordnung all diese negativen Gefühle und Ereignisse erzeugt werden, die Sie angeführt haben.
Das "Ich" hat sich dermaßen aufgebläht, dass es das Maß der objektiven Raumzeit eingebüßt hat, dass es sogar seiner selbst verlustig geworden ist. Als Menschen verfügen wir nur über begrenzte Möglichkeiten. Wir haben Gott in uns, Götter sind wir aber nicht. Die Akzeptanz und Anerkennung dieses Faktums ist die beste Voraussetzung im Hinblick darauf, dass wir alle gemeinsam eine gesunde Gesellschaft aufzubauen versuchen, ohne uns in einer anderen als in unserer wirklichen Gestalt darzustellen. Ein natürliches, uns oftmals enttäuschendes Resultat dieser Entwicklung ist, dass nunmehr die Zeit anbricht, in der die imaginären Gewissheiten, in denen wir uns in der Vergangenheit eingerichtet haben, nicht mehr Bestand haben.
Neben anderen Faktoren stellt eine zuträgliche Bildung in frühestem Alter eine Hoffnung für die Zukunft dar, denn nur mit diesem Rüstzeug vermögen wir zu reifen, uns ohne Angst mit der Einsamkeit zu versöhnen und uns die reale Kraft aneignen, um entweder allein oder alle gemeinsam "Berge" zu versetzen.

Sie haben Griechenland schon vor vielen Jahren verlassen. Fehlt Ihnen Ihre Heimat? Würden Sie nach so vielen Auszeichnungen in Deutschland und auf internationaler Ebene jemals wieder zurückkehren, um ihr künstlerisches Werk hier fortzusetzen, und wenn ja, aus welchem Anlass?
K. G.:
Griechenland ist nach wie vor das Land, das mich erzogen und in die Bahn gelenkt hat, die ich später einschlagen sollte, und das ich gerade deswegen liebe, gleichwohl diese Erziehung oftmals sehr schmerzhaft gewesen war. Ich würde mein Wissen und meine Erfahrungen sicherlich meinem Land zur Verfügung stellen, denn es ist unheimlich viel Material vorhanden, das es zu bearbeiten und für eine begründete Veröffentlichung auszuwerten und zu verwerten gilt. Die griechischen Musiker sind zweifellos konkurrenzfähig und können ihre eigene Musikauffassung vorbehaltlos gegenüber ihren ausländischen Kollegen in Anschlag bringen, unter der Voraussetzung, sie legen Disziplin, Willen und Selbstvertrauen an den Tag.

Zum Schluss möchte ich Sie bitten, uns die Elemente zu nennen, die ihnen bei ihrem künstlerischen Werdegang und bei ihrer schöpferischen Arbeit behilflich sind. Haben Sie schließlich einen Wunsch für die Zukunft?
K. G.:
Bis jetzt hat mir bei meinem künstlerischen Werdegang die Beharrlichkeit geholfen, meine Vision - das heißt, das, was mir vorschwebt und von dem ich unbedingt möchte, dass es Gestalt annimmt - zu verwirklichen. Im selben Maße treibt mich auch die Überzeugung an, dass dies das richtige ist, die Einsicht wiederaufzustehen, wenn ich falle, um mir so eine neue Chance zu geben, aus meinen Fehlern zu lernen, und mein brennendes Verlangen, schöpferisch zu kommunizieren.
Und für die Zukunft habe ich nur einen Wunsch: Humor!

Ich danke Ihnen sehr und wünsche Ihnen für Ihr weiteres Werk viel Erfolg.

Interview: Elly Rouben

Aus dem Griechischen: Theo Votsos

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