• Martin Blaumeiser, Klassik Heute

"eine uneingeschränkte Empfehlung"

Klassik Heute Empfehlung 10-10-10

"Um es gleich vorwegzunehmen: Diese Veröffentlichung gehört zu den erstaunlichsten Debüt-CDs eines – mit 37 Jahren nicht mehr ganz – jungen Pianisten der letzten Jahre. Der aus einer Musikerfamilie stammende Burak Çebi erlernte das Klavierspiel zunächst in Izmir und studierte dann in Nürnberg. Dass er zudem etliche Meisterkurse absolviert hat und Preisträger zahlreicher Wettbewerbe ist, scheint ja heute selbstverständlich. Die Zusammenstellung der randvollen CD mit Werken türkischer Komponisten und Schuberts letzter Sonate scheint zunächst etwas gewagt, zeigt aber dann schnell die außergewöhnlichen Qualitäten des Interpreten.


Mutig präsentiert sich Çebi zunächst als Komponist: Die vier Lichtblicke bilden seine eher hoffnungsvolle Sicht auf die Zukunft während der Pandemie ab. Die Musik recht unterschiedlichen Charakters zeigt mehr als solides Handwerk und eine breite Farb- und Stimmungspalette. Neben spürbaren Einflüssen des Jazz und türkischer Folklore, die dann natürlich ebenso kultiviert wie klangschön dargeboten werden, überzeugt besonders das dritte Stück (Schwingungen) als kleines Variationswerk auf engstem Raum – eine gelungene Visitenkarte.


Necil Kâzim Akses (1908-1999) und Ahmed Adnan Saygun (1907-1991) gehörten zu den türkischen Großen Fünf – in Anlehnung an das russische Mächtige Häuflein –, die zur Zeit Atatürks in den Westen geschickt wurden, um solide Komponisten zu werden. Den Fünf türkischen Klavierstücken (1930), von denen Çebi hier die drei letzten vorträgt, merkt man Akses´ damalige Nähe zum Impressionismus sowie die von Josef Suk erlernte Fähigkeit zu satztechnischen Kunstgriffen durchaus an. Faszinierend eingängig, sind dies allerdings mehr als pittoreske Gefühlseinsichten, sondern eindrucksvoll tiefgründige Klavierbeiträge. Saygun, der gemeinsam mit Bartók die irregulären Aksak-Rhythmen Kleinasiens erforschte, wird endlich auch bei uns zunehmend in seiner Bedeutung erkannt. Seine Etüden und Präludien für Klavier gehören offenkundig zur wichtigen Virtuosenliteratur des 20. Jahrhunderts, so die Nummern 9-12 aus Op. 45 (1967). Gleichfalls aus den Sechzigern, erweisen sich Ilhan Barans (1934-2016) 3 Bagatellen als schon wesentlich modernerer Geheimtipp. Beeindruckend werden hier mit kleinen Clustern erregend changierende Klangflächen erzeugt, teils mit recht perkussivem Impetus. Çebi spielt dies alles mit einer klanglichen Raffinesse, die in jeder Hinsicht durchdacht und bis ins Kleinste (Resonanzen, Pedalisierung usw.) kontrolliert erscheint, dabei gleichzeitig die Emotionen direkt auf den Hörer überträgt. Bei Saygun toppt Çebi die unterkühlt routinierte Zeynep Üçbaşaran um Längen, ist eigentlich der großen Idil Biret ebenbürtig.


Wenn man unsicher war, warum nun ausgerechnet Schubert erklingt, wird man nach dem Anhören der B-Dur-Sonate D. 960 schlicht konstatieren: Burak Çebi beherrscht dieses Meisterwerk absolut sensationell! Insgesamt bewegt sich der Pianist tempomäßig in etwa auf dem Niveau eines Krystian Zimerman. Jedoch gelingt es ihm, einerseits mehr Ruhe zu behalten als dieser, ohne die typischen Kontraste Schuberts zu nivellieren. Sowohl in der Phrasierung als auch im unmittelbaren Verständnis aller so wichtigen harmonischen Details, die zugleich immer völlig schlüssig agogisch und dynamisch ihren Widerhall an der klanglichen Oberfläche finden, übertrifft Çebi selbst die bekanntesten Kollegen. Wirkt bei Zimerman vieles arg gewollt bis aufgesetzt, bei Brendel teils übertrieben und bei Hamelin erschreckend spannungslos, wird hier über 42 Minuten eine durchgehend glaubwürdige Entwicklung zelebriert, die am Schluss in begründetem Optimismus gipfelt. Die gefürchteten Längen im Kopfsatz – Çebi spielt die Wiederholung – entstehen einfach erst gar nicht. Die desolate Einsamkeit des zweiten Satzes gelingt herzergreifend. Das Scherzo ist virtuos, aber wahrlich con delicatezza, und das Finale hat der Rezensent zumindest auf Studioaufnahmen nie besser gehört. Es gäbe hier viel über Artikulation und Agogik zu staunen; nur eine Stelle: 4. Satz, Takt 19-33. Wie Çebi hier intelligent zunächst ein wenig ritardiert, um dann auf das zweite Viertel von T. 28 hin wieder zu beschleunigen und dies dynamisch unterstützt, ist unnachahmlich organisch und perfekt.


Ob der Pianist die drei letzten Schubert-Sonaten eher in der Tradition von Beethovens opp. 109-111 sieht, oder als gänzlich eigenständigen Beitrag der Musikgeschichte, könnte erst eine Aufnahme der Sonaten D. 958 & 959 klären, die man sich nach dieser wirklich maßstabsetzenden Einspielung nur wünschen möchte. Aber auch für Sayguns intrikat schwierige Etüden, von denen immer noch keine adäquate Aufnahme existiert, wäre der türkische Pianist wohl ein geeigneter Kandidat. Çebis Debüt-Album – sein eigener Booklettext, die Aufnahmetechnik sowie die Aufmachung sind ebenfalls makellos – verdient jedenfalls eine uneingeschränkte Empfehlung."

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