• Ekkehard Pluta, Klassik heute

"man hört gerne zu"

"Lieder ohne Worte scheinen wieder sehr in Mode zu kommen. Jedenfalls häufen sich die Versuche, bei der Wiedergabe der großen Liedzyklen von Schubert und Schumann den Sänger (und damit auch den gesungenen Text) auszusparen und seinen Part einem Solo-Instrument zu übertragen oder auch mehreren. (...)

Jetzt haben die beiden jungen polnischen, in Deutschland lebenden Musiker Susanne Szambelan (Violoncello) und Jerzy Chwastyk (Gitarre) Schumanns Dichterliebe nach Auszügen aus Heinrich Heines Buch der Lieder einer ähnlichen Transformation unterzogen und bieten ihre Ausdeutung auf zwei CDs einmal als eine reine Musikfolge, dann in unmittelbarer Konfrontation mit den jeweils zugrunde liegenden Texten an. Der Schumann-Zyklus wird ergänzt durch die Auftragskomposition Über Liebe und Tod von Michaela Catranis (Jg. 1985), die das Thema der Dichtungen in vier Sätzen paraphrasiert. Die ersten drei Teile sollen die Phasen der Liebe (fieberhafte Erregung, Zärtlichkeit, Liebesleid) nachzeichnen, die abschließende Litanei ist von Joseph von Eichendorffs Gedicht Auf einer Burg inspiriert, das Schumann in seinen Liederkreis op. 39 aufgenommen hat, und das gleichsam als „Coda“ des gesamten Programms dient.


Der tiefere Sinn dieser Collage erschließt sich nicht unmittelbar, aber man hört gerne zu, da die beiden Musiker nicht nur vorzüglich spielen, sondern auch einen sehr persönlichen Ton finden. Während das Kunstlied an sich immer das völlige Einswerden von Dichtung und Musik anstrebt, wird es hier auf CD 1 als absolute Musik präsentiert, was nicht so viel Sinn macht, auf CD 2 wird die Musik den Dichtungen Heines und Eichendorffs gegenübergestellt, wodurch sie zum Kommentar der Texte, zur freien Phantasie gerät. Das ist im vorliegenden Fall sehr interessant. Susanne Szambelan brilliert mit einem üppigen Cello-Ton und evoziert ein Pathos, das sich kein moderner Sänger trauen würde, und Jerzy Chwastik, der auch das Arrangement geschaffen hat (das die vom Komponisten gewählten Tonarten zu bewahren sucht), bringt die Gitarre zum Singen und führt sie in einen lebendigen Dialog mit dem Cello, das hier auch Teile des Klavierparts mit übernimmt. Und offenbar finden die beiden eng ineinander verschlungenen Instrumente jene Liebeserfüllung, die dem lyrischen Ich in Heines Gedichten versagt bleibt, das in der Rezitation des reifen Hanns Zischler, der mit angenehm diskretem Vibrato agiert, eine angemessene gestalterische Umsetzung erfährt. So schafft die Wiedergabe eine reizvolle dialektische Spannung."

Zur CD-Besprechung