• Thomas Baack, Klassik Heute

"Pflicht für Klarinettisten und unbedingte Empfehlung!"

Klassik Heute Empfehlung 10-10-10


"Sérgio Pires und Kosuke Akimoto hatten für ihr gemeinsames Debüt-Album die wundervolle Idee, neoklassizistische französische Klarinettensonaten mit Werken zweier zentraler älterer Komponisten zu verbinden. Dies bietet dem Hörer Gelegenheit, sich binnen einer guten – dabei höchst vergnüglichen – Stunde einen Überblick über die gallische Manier der Klarinettenkomposition mit traditionellen Mitteln zwischen 1910 und 1978 zu verschaffen und dabei sonst selten zu hörende Werke kennenzulernen.


Ob Camille Saint-Saëns am Anfang und im Finale seiner Klarinettensonate op. 167 den berühmten Walzer aus Schwanensee – gleichsam als eigenen Schwanengesang – bewusst zitiert hat, oder ob es sich um einen Zufall handelt, wissen wir nicht. Auf jeden Fall ist dieses Werk jedoch eine Herausforderung hinsichtlich Klangfarben, dynamischer Flexibilität und schlackenloser Geläufigkeit in den rasanten Legato-Läufen des an Carl Maria von Weber angelehnten Finales.

Claude Debussys Première Rhapsodie – eine offizielle zweite wurde nie geschrieben – entstand als Auftragswerk für die Klarinetten-Abschlussprüfung am Conservatoire. Sie gehört wie der „Faun“ und die „Syrinx“ zu seinen arkadisch-bukolischen Kompositionen. Eigentlich hätte er sie wegen ihrer Bocksprünge gut „Pan“ betiteln können.


Arthur Honegger und Darius Milhaud verwenden in ihren beiden kurzen Sonatinen neoklassische Formen, harmonisieren jedoch eher expressionistisch. Hierin besteht eine Parallele zu den Werken Paul Hindemiths, die ebenfalls in den „roaring twenties“ entstanden und der ja zeitweilig auch auf ruppige Vortragsbezeichnungen wie „Très rude“ bei Milhaud stand. Pikantes Detail: Die Sonaten von Saint-Saëns und Honegger entstanden etwa zur selben Zeit.

Francis Poulenc und Jean Françaix waren Meister des situationskomischen Humors. Herrlich, wie in der Poulenc-Sonate ein expressionistisch-dramatischer Anfang in den Duktus eines „schräg“ harmonisierten Wanderliedes übergeht.


Sérgio Pires und Kosuke Akimoto werden den Werken, die vor allem Transparenz, Farben und Kantabilität erfordern, um die in französischer Musik unabdingbare Clarté zu erreichen, in vollendeter Weise gerecht. Kosuke Akimoto weiß genau, welche Stimmen im Klaviersatz wichtig sind und welche andererseits nur dissonierende Würze um der Färbung willen beisteuern und verfügt über die nötige Anschlagskultur, dieses Klangbild umzusetzen. Pires bläst die Werke mit großem Klangsinn und exzellenter Griffsicherheit. Er kann im Chalumeau-Register „röhren“, dort aber auch feinste Pianissimi hauchen. Seine Altissimo-Töne behalten jederzeit ihre Rundung, werden nie grell. Dass er im Poulenc-Finale zugunsten der Geste gelegentlich mal ein 32stel „wegschummelt“, sei ihm verziehen.

Aufnahmetechnisch stehen die beiden Musiker gut im Raum. Ein sehr ausführlicher, hochinformativer Booklet-Text von Pedro Obiera rundet den exzellenten Eindruck ab.

Fazit: Eine intelligent programmierte CD zweier noch nicht 30-jähriger Musiker, die mir beim Hören ob der intelligenten Gestaltung, dem Klangsinn und der ohne Eitelkeiten präsentierten hohen instrumentalen Könnerschaft große Freude bereitet hat. Pflicht für Klarinettisten und unbedingte Empfehlung!"

Zur CD-Besprechung