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  • Thomas Baack , Klassik Heute

"Schöner und farblich subtiler kann Flötenspiel kaum klingen

"Die argentinische Flötistin Maria Cecilia Muñoz und ihre kanadische Klavierpartnerin Tiffany Butt haben die durch die Corona-Pandemie verfügten Einschränkungen genutzt, um ein Konzeptalbum zum Thema „Freiheit und Gefangenschaft“ zu entwickeln. Diese Unfreiheit kann entweder aus sozialen oder politischen Zwängen bestehen, oder solchen, die eine bestimmte Spezies betreffen und wird hier an zu dressierenden Singvögeln und komponierenden Frauen exemplifiziert. Da absolut hinreißend musiziert wird, kommen jedoch auch – gern über Konzeptalben spottende – „alte weiße Männer“, zu denen der Rezensent sich ohne jegliche Scham rechnet, voll auf ihre Kosten.

    

Die Damen Muñoz und Butt beginnen mit drei Kompositionen der Französin Mel(anie) Bonis (1858-1937), die darum kämpfen musste, bei César Franck und Ernest Guirot am Conservatoire studieren zu dürfen. Stilistisch bewegen sie sich mit typisch französischer Clarté an der Grenze zwischen Spätromantik und modal gefärbten Impressionismus. Dass es weitere Kompositionen für Flöte von Frau Boni gibt, sei hier ausdrücklich vermerkt, da substanzielles Repertoire aus dieser Zeit ja durchaus Mangelware ist.

Als Weltpremiere wurde The Bird Fancyer‘s New Delight von David Braid (Jg. 1975) eingespielt, das im Auftrag der beiden Interpretinnen entstand. Es bezieht sich auf eine Sammlung von Stücken, die John Walsh um 1715 für die Abrichtung von Singvögeln per Flageolett oder Blockflöte veröffentlichte, und versieht diese mit einem teils nachdenklichen, teils amüsierten Klavierkommentar im Stile der Volksliedbearbeitungen Benjamin Brittens.

Als weitere Originalkomposition wurde das „Allegro rustico“ von Sofia Gubaidulina (Jg.1931) aufgenommen, das im Kern tonal ist, aber in der Art Sergej Prokofjews sein mittelasiatisch beeinflusstes Themenmaterial durch blitzschnelle Modulationen jagt und mit ein paar bruitistischen Klaviereffekten aufwartet.

    

Wegen des Mangels an romantischer Natur „mopsen“ sich Flötisten gern Werke, die eigentlich für Violine geschrieben wurden. Das funktioniert mal ausgezeichnet (César Franck), mal weniger gut (Brahms). Unzulässig ist es nicht, da die Romantiker selbst gern Alternativen angaben, um die Verbreitung ihrer Werke zu fördern. So sind Viola und Klarinette häufig austauschbar (Brahms, Reger) oder es werden gleich drei Alternativen (Oboe, Klarinette, Violine) wie bei den Schumann-Romanzen angeben.

Auf diese Weise gewinnen Muñoz und Butt der Flöte gleich zwei neue Werke: die Drei Romanzen op. 22 von Clara Schumann und die hochdramatisch-spannungsgeladene Sonate a-Moll op. 39 der Amerikanerin Amy Beach (1867-1934). Diese Übertragungen, bei denen nur Oktavversetzungen bei Umfangsunterschreitungen vorgenommen werden und Akkordgriffe durch blitzschnelle Arpeggien ersetz werden mussten, funktionieren hervorragend.

Am eindrucksvollsten gelingt den Beiden Tiffany Butts sensible Bearbeitung des Liedes Ich wandre durch Theresienstadt der von den Nationalsozialisten umgebrachten Jüdin Ilse Weber, deren ergreifende Schlichtheit wahrhaftig zu Tränen rührt.

    

Maria Cecilia Muñoz und Tiffany Butt werden allen Facetten der von ihnen ausgewählten Werke vollauf gerecht. Schöner und farblich subtiler kann Flötenspiel kaum klingen und wer solche flinken Staccati wie in der dritten Schumann Romanze wie selbstverständlich hintupfen kann, dabei selbst nie „zu laut“ ist, ist eine Meisterpianistin.

Klanglich geriet alles vorzüglich, man meint die beiden Damen live im Raum stehen zu sehen. Das Booklet – eine Gemeinschaftsarbeit der beiden Interpretinnen – ist so lesenswert, dass es bei einer schlechteren musikalischen Darbietung zur Aufwertung des Gesamteindrucks führen würde. Fazit: Wundervolle SACD, klare Empfehlung. Für Flötisten Pflichtkauf!"



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