• Stefan Pieper, Klassik heute

"weltoffener künstlerischer Weitblick gepaart mit einer fantastischen instrumentalen Versiertheit"

"Ursula Sarnthein, Violaspielerin beim Trio Oreade, ist auf ihrer neuen CD auf dem Label Prospero nicht allein. Denn sie tritt mit ihrer „Gibson‟-Stradivari aus dem Jahr 1734 auf, die hier wie eine kraftvolle Gesangsstimme klingt – und dazu mit einem reichen Schatz an Musik, der aus vielen kulturellen Kontexten kommend das unbegleitete Streichinstrument emanzipiert. Oft wirkt es als ausdrucksstarke, solistische Stimme, manchmal auch als kleines Orchester und zuweilen sogar wie eine wirbelnde Folkband, die hier auf einem einzigen Griffbrett in Aktion tritt. Viele Aspekte vereinen sich hier durch eine betont subjektive Werkauswahl seitens der Interpretin.

Den Grundstein für dieses Soloprogramm hat – wieder einmal – Johann Sebastian Bach gelegt. Seine Chaconne aus der zweiten Partita lässt Ursula Sarnthein auf eine Passacaglia von Heinrich Ignaz Franz Biber folgen, die gut zur feierlichen Einleitung paßt. Ursula Sarntheins Bach-Spiel offenbart eine gewisse Sprödigkeit, die man mögen muss. Die Entkleidung von jeder Romantisiererei legt umso mehr die Herausforderung offen, einen ganzen polyphonen Tonraum auf einem Instrument zu vereinen.

Wie variantenreich und vielschichtig sie jedoch den verschiedenen Sujets ihre ganz spezifische Klanglichkeit verleiht, offenbart sich im weiteren Verlauf auf dieser CD. Ihre Lesart von leichtfüßigen, dänischen Folksongs hat viel mit Musikantentum zu tun. Souverän gelingt ihr dabei so gut wie jede Form von Mehrstimmigkeit auf dem Instrument. Hinreißenden Witz entfaltet eine alpenländische Stubenmusik aus dem Appenzellerland im Wechsel mit einer Polka von Noldi Alder, die der CD ihren Titel gegeben hat und wo es bei allem Unterhaltungsfaktor auch spieltechnisch ans Eingemachte geht. Überlieferte Volksmusik und Kunstmusik sind Welten, die sich ohnehin immer wieder berühren. Auch das anmutige Variationenspiel über ein Menuett-Thema des Mozart-Zeitgenossen Franz Anton Hoffmeister nährt diese Assoziation.


Richtig aufregend wird es, wenn Ursula Sarntheins musikalische Reise in Richtung Osten aufbricht: In einer Rumänischen Doina sowie einem nicht minder loswirbelnden Tanzstück aus der Feder von Krzystof Penderecki erzeugt allein schon eine darauf abgestimmte, „exotische‟ Tongebung Spannung. Gerade bei solchen Tanzstücken drängt sich eine Diktion auf, mit der üblicherweise über Rockmusik geredet wird: Mit lässiger Souveränität vereint Ursula Sarnthein hier die Komponenten „Lead‟ und „Rhythmus‟. Schließlich kommt mit Elisabeth Harringer noch eine zweite Viola-Stimme ins Spiel. Sie sorgt dafür, dass in Marius Ungureanus Cântec de dor ein mitreißender Dialog entsteht. Überhaupt Marius Ungureanus: Er war lange Zeit ein Kollege von Ursula Sarnthein im Zürcher Tonhalle-Orchester und hat maßgeblich ihr Verständnis für rumänische Musik gefördert. Zum Schluss ist diese couragierte Interpretin wieder „allein‟ mit einem entdeckungswürdigen Meisterwerk, dem Kleinen Konzert für die Bratsche allein von Armin Schibler. In drei Sätzen entfaltet sich eine mitreißende Tour de Force in einer hochemotionalen Tonsprache. Mit all dem macht Ursula Sarnthein, die im Rheinland aufwuchs und heute in der Schweiz lebt, ihr Instrument erfahrbar, wie es umfassender wohl kaum geht: Ihr großes Kapital ist ein weltoffener künstlerischer Weitblick gepaart mit einer fantastischen instrumentalen Versiertheit. Ein Kompliment geht auch an die Aufnahmetechnik, die dem Klang des Instrumentes jede nur denkbare Räumlichkeit gibt."

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