• Dr. Matthias Thiemel, Klassik Heute

"wieder und wieder hören"

"Auf ihrer Solo-CD bindet Kim Barbier rund ein Dutzend vorwiegend populärer Klavierwerke zu einem Blumenstrauß von 59 Minuten zusammen, und sie glänzt mit einer Repertoireentdeckung: Wir lernen das fabelhafte Klavierstück Eclats n° 2 des 1989 geborenen Bruno Delepelaire kennen. Für die Aufnahme (Mitte Dezember 2021 in Berlin) wurde ein Bechstein-Konzertflügel 282 cm gewählt. In den obersten, höchsten Lagen (Schluss der Chopinetüde op. 25,5; Schluss des Anacapri-Préludes von Claude Debussy in der obersten viergestrichenen Oktav) leuchtet das Instrument nicht ganz so brillant wie mancher Steinwayflügel; immerhin besticht der durch ein Bassregister, das die mittleren und hohen Registerlagen gleichsam durch eine eigene Individualität flankiert.


In drei ziemlich bekannten Scarlattisonaten wählt die Pianistin einen frischen, extrovertierten und pianistisch mutigen Zugriff, fern von jenen galanten oder überirdisch abgeklärten Charakteren, die man vor vielen Jahrzehnten etwa von Clara Haskil zu hören bekam, weitab auch von der apollinisch beherrschten Göttlichkeit, die der Italiener Arturo Benedetti Michelangeli geboten hat. Immerhin eignen sich Barbiers Einspielungen für stilistisch spannende Interpretationsvergleiche (Konzertflügel: Pletnev, Hewitt, Kostick und viele weitere), nicht zu vergessen Einspielungen auf period instruments (zu den fesselndsten Cembalisten gehört Jean Rondeau [Scarlatti CD, Erato]).

Die Mozartsonate C-Dur KV 545 (jeder kennt diese Sonate, nur der Bezug zum Titel der CD will sich mir nicht unbedingt zeigen) erreicht interpretatorisch vielleicht nicht ganz die Würde einer Pires, Haskil, Uchida, vielleicht auch nicht die wunderschöne delicatezza der heute fast schon vergessenen Ingrid Häbler; dennoch hörte ich Barbier gern zu, indem bei ihr manche Phrase beglückt, manches Motiv klangfarblich – im Rahmen des stilistisch Klassischen – überrascht.


Eine wunderbare Welt klingender Phrasierung eröffnet Kim Barbier in Debussys Clair de lune. Auch die Realisierung des Prélude (… Die Hügel von Anacapri) ist hörenswert und innovativ. Zwei Etüden und die 1. Ballade von Chopin werden (nicht nur) gut bewältigt; die g-moll-Ballade (hier neuneinhalb Minuten) atmet grandeur; trefflich gestaltet Barbier gerade die melancholischen, narrativen, nostalgischen Züge, welche diesem Genie-Wurf Chopins einkomponiert sind.

Mit dem die CD beschließenden, wahrlich schönen Brahms-Intermezzo op. 118,2 wäre ich sehr zufrieden, ohne dass freilich die vielschichtige, subtil atmende, lichtvolle Schönheit bei Sophie-Mayuko Vetter (Hänssler), die Tiefe E. Koroliovs (Tacet) oder die herbe Stringenz eines G. Gould in Vergessenheit geriete.


Eine Spur früher, Track 13, funkelt der vielleicht kostbarste Edelstein der ganzen Hörstunde: Eclats n° 2, komponiert und der Pianistin gewidmet von dem Cellisten Bruno Delepelaire: ein hoch interessantes, jede Sekunde lohnendes, pianistisch überaus wertvolles Stück Neuer Musik. Dynamik, melodische Gesten, Klangkonstellationen und Gravitationen – bis hin zu artifiziell stumpfen secco-Anschlägen – werden von Kim Barbier kongenial artikuliert und auch das Aphoristische der Komposition erscheint durch ihr subtiles Formgefühl. Nichts an dieser Komposition wäre im Voraus absehbar, berechenbar und doch überzeugt eine innere Folgerichtigkeit musikalisch, durch und durch. Spätestens hier halte ich gebannt den Atem an und möchte die vierminütige Komposition wieder und wieder hören."

Zur CD-Besprechung