So klingt das Debut eines jungen Wilden!

"Der junge russische Pianist Ivan Bessonov spielt auf seiner ersten CD Werke von Frederic Chopin und Eigenkompositionen. (...)

Das Spiel des frischgebackenen Ersten Preisträgers wirkt beseelt von dem Wunsch, tief zu blicken. Und es wird polarisieren. Aber so soll es sein, wenn es junge Talente aus heutigem Lebensgefühl heraus mit großer Musik aufnehmen – und dies idealerweise an zukünftige Hörerschaften heran tragen!

Bessonovs Auswahl der Stücke für dieses Debut-Programm ist konsequent subjektiv: Schon die Mazurken und der Grand Valse haben es auf provokante Weise in sich. Bessonov dehnt gerne mal das Tempo des Dreiermetrums in Extreme: Manchmal stellen sich aufreibende Zeitlupen-Effekte ein, so ähnlich wie jene, mit denen ein Ivo Pogorelic früher schon mal Tumulte im Publikum auslöste. Aber es bleibt bei Bessonov nicht beim Effekt, all dies sind Mittel und Wege, um die eigene Neugier auf den emotionalen Wesenskern der Musik zu maximieren.

Gesättigt mit vollendet frühreifer Instrumentenbeherrschung bleibt Bessonov jedem Chopinschen Anspruch an klanglicher Expansion und pianistischer Ausschweifung in nichts schuldig: Das „Fantasie impromptu“ zieht unter den Händen des Teenagers mit elektrisierender Rasanz in erregende Fieberkurven hinein. Er weiß, sein Spiel als Klangraum zu begreifen, ihn zu staffeln und zu strukturieren. Das versetzt vor allem im cis-Moll-Nocturno in Traumgefilde voll emotionaler Zartheit. In der fis-Moll-Polonaise zelebriert Bessonov ohne Netz und doppelten Boden den Ausbruch ungehemmter triumphaler Wucht. Das Unberechenbare eines impulsiven jungen Forschergeists ist Programm: Was wird er im nächsten Moment aus dem Material heraus destillieren? Welche agogische oder dynamische Veränderung lauert hinter der nächsten Wendung? Bessonov liefert keinen wohlfeilen Schönklang-Chopin für den Abend bei Kerzenschein, ebenso wenig ein Abziehbild einschlägiger Referenz-Interpretationen. Im verstörend bebenden Scherzo opus 35 kann es schon Angst machen, was für dämonische Stimmungszustände dieser Teenager aus der Masse an Tönen und Akkordballungen schöpft. Der berühmte Trauermarsch nimmt verstörend schleppend Fahrt auf, wenn auch dieses Spiel nicht diese gravitätische Tiefschwärze wie bei Horowitz entfaltet. Solchen Vergleichen, die immer vermessen wirken müssen, setzt Bessonov erfrischend viel Eigenes und sehr unmitelbar aus dem Notentext ausgehörtes entgegehen. Hier besticht seine wunderbar dramaturgisch dosierte Steigerungs-Dynamik, die auch dem Letzten die Erklärung des Wortes „Crescendo“ frei Haus liefert.

Musik, welche eigene Empfindungen wiederspiegelt, ist im Idealfall eine selbst Erfundene. Beherzt nimmt Bessonov diese – in der Klassik-Zunft eher wenig verbreitete Tugend –  beim Wort. Drei Eigenkompositionen setzen selbstbewusst am Schluss dieser CD eine  persönliche Visitenkarte: „Giraffe“ und zweimal „Valse“ nennt Bessonov seine Stücke.  Die eigene kompositorische Stimme setzt dem gewichtigen Chopin-Erbe ganz viel junge Leichtigkeit entgegen, was zum Finale des Programms sehr erfrischend wirkt. Von beseelter Rhythmik und uneitler spieltechnischer Finesse getragen, tänzeln und perlen diese verspielten Miniaturen. Dass sie – im Kontrast zu den zuvor bis zum äußersten ausgereizten Chopin-Emotionen – überhaupt nicht tiefschürfend daher kommen, sollte angesichts des zarten Alters dieses jungen Hoffnungsträgers im wortwörtlichen Sinne „er-leichternd“ stimmen."

Zur CD-Besprechung

 

 

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