Interview mit Alexandra Sostmann

Bach, Byrd, Gibbons & Contemporary Music hat die Pianistin Alexandra Sostmann ihr neues Album genannt und sich auf eine faszinierende musikalische Reise begeben, die sie bis ins Cambridge der Renaissance führte.

- Wie kam es zu dieser spezifischen Auswahl von Kompositionen? Mich interessieren die Bezüge zwischen den Epochen und ihre polyphonischen Strukturen. Da kommt man natürlich nicht an Johann Sebastian Bach vorbei. Dennoch überlegte ich mir, mit welchen anderen Werken ich seine beiden Ricercare a 3 und a 6 Stimmen aus dem Musikalischen Opfer kombinieren könnte. William Byrd kam mir zunächst in den Sinn, weil ich wusste, dass auch bei ihm die Polyphonie, die kontrapunktische Schreibweise ein Thema war, obwohl er fast 150 Jahre älter war als Bach. Über die Vokalpolyphonie bin ich dann mit Orlando Gibbons auf die Virginal Musik gekommen und suchte, dies dann mit zeitgenössischer Musik zu kombinieren. Und dann fing das Suchen an… - … das ricercare, wie ‚suchen‘ auf Italienisch heißt… Von dort leitet sich ja auch der Begriff Ricercar ab, eine Vorform der Fuge. Mehr noch: Bach machte aus den Buchstaben des Wortes ein Wortspiel: „Regis Iussu Cantio Et Reliqua Canonica Arte Resoluta“… - … übersetzt heißt dies: „Auf Geheiß des Königs die Melodie und der Rest durch kanonische Kunst erfüllt“… … genau. Bach war im Mai 1747, drei Jahre vor seinem Tod, nach Potsdam gereist, an den Hof des preußischen Königs Friedrich II., wo sein Sohn Carl Philipp Emanuel als Hofmusiker wirkte. Der König schien dem alten Bach allerdings nicht so zugetan und wollte ihn testen. Und so spielte er ihm ein sehr kompliziertes „Königliches Thema“ vor, aus dem Bach aus dem Stand eine Fuga basteln sollte. Arnold Schönberg glaubt übrigens, dass der König selbst gar nicht so fit im Kontrapunkt war, um eine derart komplizierte musikalische Figur zustande zu bringen – allein die abgehenden Sekunden, die Chromatik, die eine kontrapunktische Verwendbarkeit deutlich einschränkt! Schönberg vermutete, dass Bachs eigener Sohn das Thema komponierte. - Wie auch Johann Sebastian Bach improvisierte er daraus eine dreistimmige Fuge bzw. bzw. ein Ricercar… … und alle waren hin und weg… - … sodass „nicht nur Se. Majest. Dero allergnädigstes Wohlgefallen darüber zu bezeigen beliebten, sondern auch die sämtlichen Anwesenden in Verwunderung gesetzt wurden“, wie es in den Berlinischen Nachrichten vom 11. Mai 1747 heißt. Ja. Daraufhin forderte der König Bach auf, das Ganze noch einmal sechsstimmig zu realisieren. Vielleicht wollte er ihn provozieren. Erst hier musste Bach passen, versprach aber, dass er den Auftrag nachreichen werde und das Thema „in einer ordentlichen Fuga zu Papier bringen und hernach in Kupfer stechen“ lassen werde. – Wie schwierig muss ein Werk sein, dass sogar der größte Komponist aller Zeiten, seine Zeit braucht…? Nach diesem sechsstimmigen Ricercar kann nach meinem Empfinden nichts mehr kommen. Ein Werk, das am Ende von Bachs Leben steht mit der Aussicht auf das Paradies. Ein Wunder! Es ist ungemein komplex, die kontrapunktischen Wege phänomenal verschlungen. Und dennoch strahlt diese Musik eine unglaubliche Ruhe, Stille und Schönheit aus. Und sie ist zutiefst emotional, wenn auch nicht im „romantischen“ Sinne. - Ob Johann Sebastian Bach das Werk William Byrds (1543-1623) kannte? Man weiß es nicht. Andererseits hatte Bach einen unglaublichen Musikhunger. Bereits als Teenager hatte er in der Nacht alles an Partituren abgeschrieben, die er im Schrank seines Bruders fand. - Für Byrd jedenfalls reisten Sie nicht nur in die Welt der englischen Renaissance, sondern auch nach Cambridge… … dort im Fitz-William-Museum findet sich das Fitzwilliam Virginal Book, die umfangreichste historische Sammlung der englischen Cembalo-Musik des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts in England. - Wie schnell haben Sie unter den 297 Stücken, den Airs, Variationen, Fantasien, Toccaten, Pavanen, Gaillarden, Allemanden und Courantes, das Stück mit der ‚Katalognummer MB 52‘ gefunden? Sie meinen natürlich die Pavan & Galliard von William Byrd von 1590. In der nicht öffentlichen Library liegt das Fitzwilliam Virginal Book, ein imposantes großes Buch ganz in Leder gebunden. Nach einigem Hin und Her durfte ich es mir dann anschauen. Das war sehr ergreifend. Dafür bekam ich ein spezielles Pergament, um die Seiten durchzublättern. Vorher musste ich mir natürlich die Hände waschen, damit keine Bakterien übertragen werden, die das wertvolle Pergament zerstören könnten. Byrds Pavan war gar nicht so einfach zu finden, weil er sich unterschiedlich schreibt, mal mit i, mal mit y. - Immerhin hat das Fitzwilliam Virginal Book 220 Folio Seiten… Das hört sich erstmal wenig an, aber man muss wissen, dass alles ganz klein geschrieben ist. Manchmal gibt es nur einen Doppelstrich und dann fängt gleich ein neues Werk an. Byrd wurde zwar der ‚Father of Music‘ genannt und wurde als ‚Gentleman of Her Maiesties Chappell‘ von der Königin wohl protegiert. Und er durfte sogar über das damals sehr wertvolle Papier verfügen. Dennoch bekam auch sein Werk nicht mehr Raum als andere. Man kann es kaum lesen. Zugleich, und das hat mich unglaublich beeindruckt, hat diese enge Notation zur Folge, dass die polyphonen Strukturen sofort visualisiert werden. Da entsteht ein ganz besonders Bild. - Überhaupt die Notation… … die hat mich sehr beschäftigt – besonders die komplexe englische Verzierungskunst des 16. Jahrhunderts. Man könnte ein Leben damit verbringen, all die „single- and double-stroke ornaments“, wie man in England zu der Zeit die Verzierungen nannte, zu studieren. Über den Bärenreiter Verlag und die Essener Musikhochschule stieß ich auf den Organisten und Renaissance Spezialisten Desmond Hunter. Er ist über Achtzig und lebt in Nordirland. Er hat mich sehr unterstützt und mir immer wieder gesagt, wie ich was zu spielen habe. Ohne ihn wäre es mir sehr viel schwerer gefallen, die Struktur dieser Musik zu verstehen, die von Takt zu Takt immer wieder anders klingt. Oft hätte ich gerne auf die eine oder andere Verzierung verzichtet, aber Desmond ermahnte mich höflich – „It‘s just a suggestion‘‘ (Lachen). Schließlich machen genau diese Ornamente den Farbenreichtum dieser Musik aus. - Wie war es denn mit ‚The Lord Salisbury his Pavin‘ von Orlando Gibbons (1583-1625), den man zu seiner Zeit wegen seines Spiels als „the best finger of that age“ bezeichnete? Gibbons Werke sind teilweise auch im Fitzwilliam Virginal Book zu finden, doch diese Pavane und Galliarde, eine Trauermusik auf den Tod von Lord Salisbury, ist in der Parthenia von 1613 abgedruckt, einem anderen sehr wichtigen Sammelwerk für Virginal Musik, das in London aufbewahrt wird. Dafür stand ich in den alten Gemäuern von Cambridge, dort wo Gibbons 1606 seinen Bachelor in Music gemacht hat. Mit 13 Jahren war er ja in das Kings College eingetreten. Hier, davor zu stehen, war für mich wirklich sehr ergreifend. Das alles ist schon eine eigene, sehr britische Welt. - Was heißt eigentlich Parthenia? Das Wort wird abgeleitet aus dem griechischen parthenos. Übersetzt heißt dies Mädchen, Jungfrau, auf Englisch also ‚virgin‘. Im Museum stand übrigens auch ein Virginal mit einer wunderbaren Bemalung und einem Nähkästchen. Angeblich nannte man das Instrument so, weil es „wie eine Jungfrau (= virgo) mit weicher und süßer Stimme singt“. Es gibt aber auch Wissenschaftler, die den Namen von ‚virga‘ ableiten, also von ‚Dorn‘ oder ‚Stab‘, was sich auf die ‚Kiele‘ des Instrumentes bezieht. - Mit ‚Prayer bell sketch‘ von Oliver Knussen (1952-2018) machen Sie einen großen zeitlichen Sprung… … bleibe aber im Empire, denn er stammte aus Schottland. Ich fand seine Musik interessant, eine Mischung aus Messiaen und Debussy, und dann wieder doch ganz und gar nicht. Auch hier handelt es sich um eine Trauermusik für den 1996 verstorbenen Komponisten und Freund Tōru Takemitsu. Jahre vorher, bei Proben in London mit dem Pianisten Peter Serkin, hatte Takemitsu Knussen erzählt, dass er eine weitere Komposition für Serkin plane, die ‘Prayer Bell’ (Gebetsglocke) heißen solle. Jahre später fragte Knussen nach, was daraus geworden sei. Takemitsu räumte ein, es sei zu schwierig, die Glockenklänge auf das Klavier zu übertragen. Nach seinem Tod beauftragten Verwandte Knussen mit einem musikalischen Nachruf… - …Der wohl deshalb auch Prayer Bell Sketch heißt… … weil Knussen sein Werk nur als einen ‚Versuch’ verstand. Dabei ist das Stück ganz toll gemacht, auch von den Noten her visuell sehr interessant, aber höchst kompliziert in rhythmischer Hinsicht. Am Beginn wirken beide Hände wie ein Pendel, wie eine schlagende Glocke, die nachschwingt. Diesen Nachhall zu produzieren ist die große Herausforderung. Man hat viele Dinge gleichzeitig zu tun, etwa wenn die Mittelstimme plötzlich lauter werden soll als die Außenstimmen oder der vierte Finger im Mezzoforte spielen soll und der Fünfte im Pianissimo. Das Glockengeläut ist manchmal kaum hörbar, aber rhythmisch und innerlich immer wahrzunehmen. Diese Abschattierungen muss man verinnerlichen und verstehen. Mein Tonmeister Bernd Hanke meinte an manchen Stellen sogar, nur ich könne jetzt beurteilen, wie es weiter geht. – An welchem Kirchgeläut hat sich Knussen eigentlich orientiert? An unserem freischwingenden Glockengeläut oder an dem angelsächsischen Wechselläuten bzw. dem change ringing, bei dem sogar sechzehn Glocken zum Einsatz kommen? Letzteres eher. Zeitweise aber kam mir Knussens Musik auch buddhistisch vor. Nun: Takemitsu war ja auch ein japanischer Komponist. - Sehr spirituell war auch Sir John Tavener (1944–2013). Mit seinen langen Haaren wirkte er wie ein Messias … obwohl manchmal boshaft gesagt wird, dass er nur Kitsch komponierte. Ich finde das überhaupt nicht. - Auf die Frage, warum er komponiere, antwortete er: „Ich hoffe, meine Musik ähnelt Klang-Ikonen, in denen ich Noten statt Farben verwende, denn für mich ist Musik ein ‚Klangfenster‘ zur göttlichen Welt.“ Ja, so ist es. Während einer Schaffenskrise begegnete er dem Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche in England, der zu seinem Mentor wurde. 1977 konvertierte er auch zu dieser Kirche, die ihm umfassender, kosmischer, tiefer als andere Glaubensrichtungen vorkam. Später zog es ihn zum Buddhismus und Islam. Seine Musik wurde strenger, abgespeckter wenn man so will, reduziert auf das Wesentliche. - Weltweit bekannt wurde Tavener mit dem ‚Song for Athene‘, der 1997 beim Begräbnis von ‚Lady Di‘ ertönte. Sie wiederum wählten zwei bis dreiminütige Miniaturen… … Ja. Mich reizten die polyphonen Strukturen darin. The Lord’s prayer, das deutsche Vaterunser, ist ursprünglich für Chor geschrieben; ein Auftragswerk für die Tallis Scholars von 1999. - Dazu gibt es noch Taveners Trauermusik, die diesmal Tieren gilt. In ‚memory of my two cats‘ von 1990 gedenkt der Komponist zweier Katzen… … Nimrod und Daisy, wie es in der Partitur heißt. Etwas schräg und sehr englisch. - Katzen strahlten für Tavener etwas Mysteriöses aus. Er glaubte, dass sie über eine Weisheit verfügten, zu der wir keinen Zugang haben… … vielleicht. Ein bisschen klingt diese Musik nach Arvo Pärt. Die Musik ist sehr reduziert, sehr einfach, aber von großer Wirkung. - Zu John Taveners Hang zur Mystik passt auch, dass er sich mit den Tierkreisen auseinandersetzte. Zur Geburt seiner zweiten Tochter 1997 schrieb er ‚Zodiac‘... … ein weiteres simples kurzes Stück, aber dennoch sehr komplex, auf nur einer Seite notiert. Die Kombination der Töne symbolisieren für Tavener den Baum des Lebens, Sonne und Mond, Himmel und Erde. - Vom Mystizismus Taveners zum Minimalismus eines John Adams. China Gates ist ein kurzes Klavierstück von 1977, das er für die siebzehnjährige Pianistin Sarah Cahill schrieb. Weil er dieses Werk im Zusammenhang mit Phrygian Gates komponierte, das nach der phrygischen Kirchentonart benannt wurde, suchte ich auch bei China Gates nach einem direkten Bezug. Ich habe ihn weder zur chinesischen Musik noch zu einer spezifischen Kirchentonart entdecken können; er spielt hier mit unterschiedlichen Kirchentonarten wie der mixolydischen, äolischen und lokrischen. Adams komponierte das Werk laut eigener Aussage während der Regenzeit in Nord Kalifornien: acht fallende Töne symbolisieren den Regenfall. Vielleicht erklärt sich die Musik aus einem Zitat von Adams: „Die formale Idee meiner Musik ist: etwas erscheint am Horizont der Ereignisse, gewinnt an Bedeutung, fängt an, die Szene zu dominieren und verschwindet dann wieder“. Und er nannte China Gates ein „perfektes Palindrom“. - Man könnte das Stück also vorwärts wie rückwärts spielen, es ergäbe immer den gleichen Sinn. Haben Sie es versucht? Ich habe es noch nicht ausprobiert. Adams hat das Werk quasi von der Mitte aus symmetrisch aufgezogen, es spiegelt sich. - Last but Not least zwei Stücke, die für Sie geschrieben wurden. Ich bin ein große Jazzliebhaberin und wollte noch eine andere Richtung einbringen. Ich bat Markus Horn über Byrds Pavane zu improvisieren. Wir kennen uns sehr lange, er hat für mich schon einige Stücke geschrieben. Und dann entstand Piece after Byrd. - Hat er Ihnen es ‚in die Finger‘ geschrieben? Ganz im Gegenteil! Ich fand es ziemlich schwierig. Das ist das Stück, was bei der CD- Produktion am meisten Zeit in Anspruch genommen hat: eine ganz andere Ästhetik, auch im Anschlag, der eine Spur härter sein muss als in der Klassik. Es braucht Drive, um der beständigen Rhythmik zu entsprechen. Alles ist rhythmisch sehr kompliziert innerhalb der Hände, die wiederum unabhängig voneinander agieren müssen. - Nicht minder kompliziert ist Xiaoyong Chens Diary VI. Auch wir kennen uns schon lange, er pendelt zwischen Shanghai und Hamburg. Seine Klavierwerke nennt er alle Diary. Diary VI besteht aus vier Teilen: Prism, Swishing, Reflection und Echo. Alles verläuft ruhig, es gilt, einen Gongschlag ins Pedal zu geben und dem Hall nachzuhören. Dann gesellt sich meist noch ein anderer Ton dazu, die Musik verhält sich wie eine Skulptur im Raum. Sie verändert sich nur, wenn man um sie herumgeht und aus anderer Perspektive betrachtet. Das Werk ist buchstäblich bis auf den Zentimeter genau pedalisiert. - Wie ist das gemeint? Es gibt quasi Fußvortragsanweisungen, genaue Pedalanweisungen: wie etwa eineinhalb Zentimeter hinunter beim Forte, drei Zentimeter beim Mezzoforte usw. Ein hochinteressanter Effekt, der viel Disziplin abverlangt. Ich profitiere da sehr vom neuen Dämpfersystem von Steinway. - Ihr drittes Solo-Album wurde auch diesmal durch Startnext gefördert, die größte Crowdfunding-Plattform im deutschsprachigen Raum, auf der immer mehr Künstler für ihre Projekte werben. Ich bin sehr dankbar für diese Unterstützung, mit der ich größtenteils die Kosten für die Aufnahme aufkommen konnte, wie etwa Saalmiete, Flügel und Klaviertechniker, Tonmeister und Schnitt. Den Rest habe ich selbst bezahlt. - Zurück zum alten Bach: die meisten der 200 Exemplare des ‚Musikalischen Opfers‘ hat er „an gute Freünde gratis“ verteilt. Die übrigen wurden für 1 Taler das Stück verkauft. (Lachen) Wie viel wohl ein Taler heute wert sein mag?

© 2019 Teresa Pieschacón Raphael

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