• Stefan Pieper, Klassik heute

CD-Debüt als künstlerische Visitenkarte

"Zur Zeit ist die Baselerin Jungstudentin bei Julia Fischer.

Das alles scheint bei der hochtalentierten jungen Geigerin immer mehr selbstbewusste Energie freizusetzen: Aktuell, mit gerade 17 Jahren, legt sie nun ein gewichtiges CD-Debüt für das Ars-Label vor. Dabei macht sie es nicht unter jenen einschlägigen Meisterwerken, die auch für gestandene Interpretinnen und Interpreten immer eine Herausforderung bleiben werden.


Aus tiefen, fast einer Viola gleichkommenden Registern lässt sie zu Beginn mit einer Prise gesunder Theatralik den rezitativischen Bogen in Maurice Ravels Tzigane-Rhapsodie aufsteigen. Damit legt die junge Künstlerin ihre klangliche Visitenkarte vor, punktet mit großem Ton und flammenden, doch schlank bleibendem Vibrato. In Sachen souveräner Präzision bleiben hier keine Wünsche offen – inklusive komplexer Doppelgriffpassagen, schillernder Flagoletts, zerdehnter, fließender Intervalle – so dass alles sinnlich und nicht einfach nur „sauber“ wirkt.

Da fragt man sich schon, was dieses Ausnahmetalent noch lernen muss, wo doch auf diesem sorgsam konzipierten Tonträger jetzt schon künstlerisch so vieles in Einklang steht. Klug ist, dass Anna Schultsz auf ihrer ersten CD ihr ganzes Potenzial in den Dienst eines Themas stellt. Die Rede ist von der spezifisch-frankophonen Musikkultur, die sich seit Ende des 19. Jahrhunderts vom erdrückenden Erbe der deutschen Romantik emanzipierte. Denn gerade dadurch schwingen sich diese Bravourstücke von Maurice Ravel, César Franck, Gabriel Fauré und Eugène Ysaÿe zu so viel atmosphärischer Eindringlichkeit auf.


Das gipfelt in der berühmten Sonate von César Franck, in der Anna Schultsz mit dem Pianisten Gérard Wyss einen Dialog auf Augenhöhe praktiziert – zugleich aber auch bei all den stürmischen Affekten ein gutes Maß für die Gesamtarchitektur pflegt. Mit Gabriel Faurés Violinsonate A-Dur folgt ein etwas weniger bekanntes, aber nicht minder entdeckenswertes Pendant, das zehn Jahre vor der Franck-Sonate entstanden ist. Der Gestus ist abgeklärter und hintergründiger – verglichen mit der energetischen Franck-Sonate. Die schlanke, analytische Tongebung von Anna Schultsz steht auch hier der delikaten Melodieführung ausgesprochen gut. Spektakuläres Highlight ist hier der impulsiv-rasante Scherzo-Satz – wo der Bogen leichtfüßig über die Saiten springt und Gérard Wyss hellhörig und immer fein abgestimmt „antwortet“.

Dem erfolgreichen Anliegen, eine abgerundete, faßbare und sich nie verzettelnde Produktion abzuliefern, kommt die gewählte „symmetrische“ Programmstruktur entgegen. Die CD endet in einem ähnlichen Gestus, wie sie begann. Eugène Ysaÿes Sonate für Violine solo op. 27, einsätzig und meist rezitativisch strukturiert, kommt einer fast wilden Solokadenz gleich – bekanntlich wollte der belgische Komponist hier die Fähigkeiten des Geigenvirtuosen Georges Enescu gnadenlos ausreizen. Auch bei dieser finalen „Feuerprobe“ ist Verlass auf die junge, hochmotivierte Interpretin. An ihr liegt es künftig, sich mit Neugier und Unvoreingenommenheit auf viele weitere künstlerische Abenteuer in der Zukunft zu stürzen. "

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