• Dr. Ingobert Waltenberger, online merker

"Da schaltet die Aufmerksamkeit des Hörers unmittelbar auf 100"

"Alexander von Zemlinsky feiert am 14. Oktober dieses Jahres seinen 150. Geburtstag, dezenter als das medial gehypte Beethoven-Jubiläum versteht sich, aber musikhistorisch nicht minder bedeutsam. Wartet ein für die Zemlinsky Diskographie so wichtiges Label wie Capriccio vor allem mit Wiedereditionen verdienstvoller Einspielungen von Opern und Orchesterwerken auf, so gibt es erfreulicherweise vermehrt Neuaufnahmen, die dem Verständnis des Komponisten neue Facetten auch als Kammermusiker abgewinnen bzw. eine Standortbestimmung erlauben. Eine davon bietet das neue Album des Feininger Trios. Es stellt das Klaviertrio in d-Moll, Op. 3 von Zemlinsky dem Klaviertrio in c-Moll, Op. 101 von Johannes Brahms gegenüber. Die CD bildet einen Teil eines größeren Aufnahmezyklus, der die drei Klaviertrios von Brahms mit jeweils einem Werk anderer Komponisten aus Wien kombiniert. Neben Alexander von Zemlinsky werden das Ernst Krenek und Erich Wolfgang Korngold sein.

Alle drei genannten Komponisten hätten sich erst einmal gegenseitig darin überboten, möglichst ‚Brahmsisch‘ zu schreiben. So sah es zumindest Alexander von Zemlinsky, der von Brahms zwar nicht unterrichtet, aber gefördert wurde. Sein Opus drei hat Zemlinsky 1896 als Klarinettentrio für einen Wettbewerb des Wiener Tonkünstlervereins komponiert. Später hat er die Klarinettenstimme durch eine Violine ersetzt, was wegen der teils sehr tiefen Lage des Violinparts spezifische Herausforderungen mit der Balance in der Dynamik zwischen Cello und Geige mit sich bringt, wie dies der Geiger des Trios Christoph Streuli aus der Westentasche plaudernd kommentiert. Lustig, fast verwegen klingt Streulis Befund, dass der erste Satz von Zemlinskys Op. 3 viel mehr nach Brahms klingt wie die meisten Trio-Sätze von Brahms selbst. Als Gründe führt er die Überlänge dieses Satzes an, den Charakter des Hauptthemas als einen sehr überzeugenden, fast schwermütigen Gesang sowie die Führung von Cello und Geige beim melancholischen Thema in Oktaven. Ab dem zweiten Satz gewänne Zemlinsky schon seine spezifischen Konturen, als da wären eine fragilere Stimmführung, freier sich entwickelnde Themen, ein scheueres Abtasten im kompositorischen Fortschreiten und eine stilistisch an Chopin gemahnende Dekadenz.

Theorie beiseite: Das frühe Zemlinsky Opus hat keinen leichten Stand, nachdem das Feininger Trio beim späten Brahms eine kompakt in sich verwobene, ja orchestrale Bravour der drei Erzählstränge an den Tag gelegt hat, als gäbe es kein Morgen mehr. Da schaltet die Aufmerksamkeit des Hörers unmittelbar auf 100. Nichts bremst das von Stromschnellen durchzogene Vorwärts der Musik, es strudelt und gluckst, die Strömungen und Wirbel der Sechszehntel und Triolen sorgen für Spannung, am Schluss mischt sich naturgleichnishaft Alpenländisches in dieses am Thuner See in der Schweiz geschriebene Stück. Wer einmal an einem schönen Sommertag in der reißend kühlen Aare in Bern ein Stück geschwommen ist, kennt das Gefühl, das mich beim Hören der kraftvollen Ecksätze des Brahms-Trios in der Interpretation des Feininger Trios im ureigensten Sinn des Wortes durchströmt. Welch muskulös aufgepeitschte dynamische Wellen, welche himmlischen agogischen Freiheiten, welch organischer Umgang mit Temporückungen. Brahms at his best."

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