• Rainer W. Janka, Klassik-heute

"große Interpretationskunst!"

"Diese Konzept-CD mit dem einfachen Titel „Viennese Variations“ ist eine Wundertüte: Zuerst denkt man: Wieder mal eine Liebhabersammlung von Titeln. Dann aber staunt man immer mehr über die Reichhaltigkeit der Werke und die Entdeckerfreude von Roberte Mamou, dieser in Tunesien geboren und aufgewachsenen, aber in Belgien musikalisch sozialisierten Pianistin. Sechs Variationswerke für Klavier aus dem Wien der Jahre 1789 bis 1827 hat Roberte Mamou hier versammelt, wobei man als Hörer Bekanntes vertiefen und Unbekanntes entdecken kann.


Jeder Variation gibt die Pianistin ihr Eigengewicht, Beethovens Variationen über ein Thema aus Molinara von Paisiello spielt sie mit Grandezza und subtiler Delikatesse zugleich wie eine Grande Dame des Klaviers, dabei temperamentvoll, spritzig und spannungsreich und vor allem die Moll-Variation sehr farbenreich.

Mit viel Sinn für die Dramaturgie interpretiert sie die Duport-Variationen von Mozart, „die gelungenste und abwechslungsreichste aus Mozarts Feder“ (Christoph Rueger), spielerisch und doch ernsthaft, beseelt und doch in kunstvoller Schlichtheit und mehr als nur graziös.


Fast wie mit einem charmanten Schmunzeln präsentiert Roberte Mamou die phantasievollen und überraschungsreichen Variationen über ein Thema aus Armide von Gluck von Johann Nepomuk Hummel. Im Scherzando steigert sie das Tanzhafte noch ins Scherzhaft-Übermütige, so dass diese Musik wie eine stete Folge von Salti klingt, überschäumend virtuos ist die Variation VIII, obwohl sie noch überschäumender gespielt werden könnte, da bleibt die Pianistin etwas zu dezent. Ganz in ihrem Element ist sie dann wieder im Adagio espressivo der Variation IX, die, wie das außerordentlich kluge Booklet (Claus-Dieter Hanauer) formuliert, „eine Vorahnung auf die Musik Schuberts“ ist.

Auch die bravourös rauschende Variation V der Variationen über ein Thema von Rode von Carl Czerny könnte noch bravouröser sein. Doch die Freude, die Roberte Mamou an dieser charmant-gefälligen Musik hat, an der terzenglitzernden Variation I, an der walzerwiegenden Variation II, an der verzierungsüppigen Variation III oder der elegisch verhaltenen Variation IV teilt sich unmittelbar mit: beste Salonmusik.


Die größte nachhallende Wirkung auf den Rezensenten haben aber die Variationen von Haydn und von Schubert. „Un piccolo Divertimento“ hat Haydn seine f-Moll-Variationen überschrieben: Weder sind sie „piccolo“, also klein und unbedeutend, noch „divertimento“, also zerstreuend-unterhaltend. Viel gewichtiger, viel tiefgründiger und empfindungsreicher sind sie. Roberte Mamou schöpft die Emotionsfülle jeder Variation aus, bleibt dabei immer im Spiel klar und transparent, ganz gleich ob in einer Variation das Thema mittels Trillern fast impressionistisch zu zerstäuben scheint oder ob sich die Themen in der Coda nochmal aufbäumen, aus sich heraus nochmal an Energie gewinnen und dann doch nach tragisch-dissonanten Akkordschlägen in Trauer versinken: große Interpretationskunst!

Noch mehr dann bei Schuberts Impromptu B-Dur D 935 Nr. 3: Weichwiegend, sacht verzögernd beginnt Roberte Mamou, sich in den satten Akkorden gleichsam räkelnd. In der b-Moll-Variation schafft sie einen Spagat zwischen träumerischer Verspieltheit und drängender Leidenschaft, ihr Spiel evoziert die Fülle eines ganzen Orchesters – eine reine Schubert-CD von ihr wäre wünschenswert."

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