• Reinmar Wagner

Neue Töne für die "Tzigane"

So lakonisch schlicht sie ihn begonnen hat, so fulminant schliesst Anna Schultsz diesen Finalsatz der Franck-Sonate ab: Da klebt nun wirklich jedes Bogenhaar auf der Saite. Klang-Orgien sind aber kein genereller Interpretationsansatz der erst 18-jährigen Basler Geigerin, die aktuell bei Julia Fischer studiert. Es braucht schon die exaltierte Coda am Schluss der dritten Solosonate von Ysaÿe, um sie noch einmal auf ähnliche Weise herauszufordern. Sonst setzt sie eher auf differenzierte Dosierung und eine klug abgestufte Detail-Dramaturgie. So ist zum Beispiel die berühmte Eingangskadenz von Ravels "Tzigane" hier eher eine fragende Suche mit bewusst eingesetzten Vibrato-Varianten als die wilde Improvisation eines Zigeunergeigers. Ein paar Details darin lassen gleichwohl aufhorchen: Es ist die erste Einspielung der Neuausgabe dieses ikonischen Geigen-Werks, die auf ein kürzlich entdecktes weiteres Manuskript von Ravel zurückgreift. (...)

.....Gérard Wyss, seit einem halben Jahrhundert eine Schweizer Institution als Klavierbegleiter, trägt die junge Geigerin auf Händen. Er weiss genau, wo und wie er sie anspornen kann, und wo er ihrem satt-dunklen Geigenton den Raum zur Entfaltung lassen darf."

Musik & Theater, 2022/05