• Holger Sambale, Klassik Heute

"Ungewohntes Klangbild mit interessanten Varianten"

"Zweimal hat Franz Liszt Beethovens Neunte Sinfonie für Klavier bearbeitet, zum einen natürlich im Rahmen seiner Klavierarrangements sämtlicher Sinfonien Beethovens, wobei diese Fassung Gesangssolisten und Chor mit einbezieht. Rund fünfzehn Jahre zuvor, im Jahre 1851, hatte er jedoch bereits eine Fassung für zwei Klaviere erstellt, die ohne Gesang auskommt. (...)

In diese Phalanx stößt die neue Genuin-CD mit dem Klavierduo Chipak–Kushnir, das in Lwiw und Rostock seine Basis hat. Die Besonderheit dieser Einspielung (weshalb sie als Weltersteinspielung deklariert wird) ist, dass das Duo Liszts Bearbeitung um den Paukenpart aus Beethovens Originalpartitur ergänzt hat, gespielt vom jungen Spanier Francisco Manuel Anguas Rodríguez; eine Entscheidung, zu der die Interpreten im Beiheft auch eine kleine Stellungnahme abgeben.


Zunächst ist einmal mehr Liszts fabelhaftes Arrangement hervorzuheben, das Beethovens Neunte in einen kammermusikalischen Kontext setzt, es dabei aber zugleich meisterhaft versteht, die Farben, Schattierungen und auch die schiere Klanggewalt des Orchesters auf zwei Klaviere zu übertragen, eine exemplarische Leistung, für die Pianisten im Übrigen eine veritable Tour de Force. Das Duo Chipak–Kushnir meistert die Herausforderungen insgesamt sehr gut. (...)


Eine zentrale Frage bei der vorliegenden Einspielung ist sicherlich, wie sich der Paukenpart in die Transkription integriert. Zunächst wirkt das a priori eher an Orff gemahnende Klangbild ungewohnt, und gerade zu Beginn der Sinfonie, etwa beim ersten Einsatz der Pauke, kann ich auch nach mehrfachem Hören ein gewisses Moment der Irritation nicht verhehlen. (...)

Andererseits finden sich ebenso Passagen, in denen sich die Pauke bemerkenswert natürlich in das Geschehen einfügt, so etwa im Scherzo, in dem die Pauke ja auch im Original eine exponierte Rolle einnimmt, interessanterweise aber ebenso im gelegentlichen „Pochen“ des langsamen Satzes. Tatsächlich geht es hier nicht selten um Stellen, an denen Liszt explizit den Paukenpart einem der Klaviere zuteilt, und diese partielle Wiederherstellung der Originalbesetzung funktioniert gut. Speziell in der elementaren Wucht und (Eigen-)Dynamik des Finales begegnet man auch recht eindrucksvoll der vom Duo angeführten „Erweiterung des Klangvolumens an den Kulminationsstellen“ durch die Pauke. (...)


Im Beiheft befindet sich zudem ein Essay des Pianisten Claus-Christian Schuster, der Beethovens Neunte, Listzs Transkription und ihre Erweiterung durch das Duo Chipak–Kushnir kontextualisiert (ob man seine tendenzielle Reserviertheit gegenüber Beethovens Chorfinale teilt und ob die Problematisierung mancher aus heutiger Sicht vielleicht befremdlich wirkender Passagen aus Schillers An die Freude nicht doch am Kern dieses Schlüsselwerks der Musikgeschichte vorbeigeht, ist eine andere Frage). Die Klangqualität ist ausgezeichnet und bildet den Dialog der beiden Klaviere vorzüglich ab. Als Fazit möchte ich die Hinzunahme der Paukenstimme in dieser Einspielung als interessanten Ansatz begreifen, der seine Meriten hat, wobei ich Liszts Original am Ende doch den Vorzug geben würde. Der Kauf der CD lohnt sich jedenfalls allein schon wegen der sehr guten Einspielung der Transkription selbst."

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