top of page

Anastasia Schmidlin: Klarinettistin, Tonmeisterin, musikalische Grenzgängerin

  • Autorenbild: quintessenz
    quintessenz
  • vor 6 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Ein Beitrag von Monika Csampai


Wer Anastasia Schmidlin heute Deutsch sprechen hört, nimmt eine Sprache wahr, die von Präzision und einem feinen Gespür für Nuancen zehrt. Genauso feinfühlig und dazu musikalisch immer vollkommen überzeugend sind ihre Interpretationen des sehr vielseitigen Repertoires ihres Instruments.


Anastasia Schmidlin ist Solistin, Kammermusikerin, Pädagogin und autodidaktische Tonmeisterin in Personalunion. Eine moderne Pionierin, getrieben von einem klaren Credo: „Heute kann man alles lernen, alles ist möglich.“


Das Erbe von St. Petersburg: Musik als Muttersprache

Aufgewachsen ist Anastasia Schmidlin in Sankt Petersburg, einer Metropole des inhärenten Kulturrauschs, aber auch der unerbittlichen russischen Ausbildungstradition. Das musikalische Fundament wurde ihr gleichsam in die Wiege gelegt. Die Mutter Musikwissenschaftlerin mit dem Forschungsschwerpunkt Strawinsky, der Vater Schostakowitsch-Spezialist. 


Bereits mit sechs Jahren wurde sie in die legendäre Vorschule der Spezialmusikschule des St. Petersburger Konservatoriums aufgenommen – eine Kaderschmiede für den musikalischen Nachwuchs. „Jeden Tag gab es mehrere Stunden Musikunterricht, das war für uns nichts Außergewöhnliches, wir kannten nichts anderes“, erinnert sie sich nüchtern an den frühen Drill. Doch die Disziplin war für Schmidlin nie aufgezwungen; sie entsprang einer tiefen, intrinsischen Motivation.


Der eigentliche Bruch folgte mit dreizehn Jahren: der Wechsel von der Violine zur Klarinette. In einem männlich dominierten Umfeld glich dies einer Provokation.


„Ich bekam zu hören, dass Frauen nicht genug Kraft hätten, Klarinette zu spielen. Auch mein 28-jähriger Lehrer wurde belächelt, es wurde nicht verstanden, warum er sich die vergebliche Liebesmühe machte, ein Mädchen im Klarinettenspiel zu unterrichten.“


Doch ihr Lehrer Grigory Maliev glaubte an sie. Gegen alle Widerstände schloss sie nach nur fünfeinhalb Jahren die Ausbildung mit der Bestnote mit Carl Nielsens halsbrecherischem Klarinettenkonzert ab.


Der Weg in die Schweiz und die Suche nach künstlerischer Freiheit

Trotz des Erfolgs fühlte sich Schmidlin im starren, oft hierarchischen russischen System zunehmend fremd. Ihr Drang nach Klarheit und Fairness kollidierte mit den bestehenden Strukturen. Die Rettung kam in Form eines Wettbewerbserfolgs der Schweizer Stiftung „Petersburg“. Mit 16 Jahren durfte sie erstmals auf Tournee durch die Schweiz reisen – eine Initialzündung.


Der Kontrast zwischen dem unterkühlten St. Petersburg und der hellen, topografisch majestätischen Schweiz traf sie existenziell. „So etwas Schönes werde ich nie mehr erleben“, sagte sie damals zu ihrem Vater, der sie am Flughafen abholte. Die Sehnsucht war geweckt. Mit 18 Jahren bestand sie die Aufnahmeprüfung an der Hochschule Luzern bei Heinrich Mätzener. Es folgten harte Lehrjahre der sprachlichen und kulturellen Orientierung, in denen Mätzener ihr nicht nur Lehrer, sondern ein entscheidender Mentor wurde, gefolgt von Studien bei Paolo Beltramini und Robert Pickup.


Der Unfall als Wendepunkt einer Karriere

Doch der Weg nach oben ist selten linear. Im Jahr 2015, Anastasia Schmidlin war gerade 21 Jahre alt, wurde sie nach einer Orchesterprobe auf dem Fahrrad von einem Auto angefahren. Die Diagnose: Handbruch, verletzte Bänder und eine posttraumatische Belastungsstörung. Ein Albtraum für jede Instrumentalistin. Jahrelang war an die Fortführung der Karriere kaum zu denken.


Erst durch eine intensive Psychotherapie fand sie schrittweise zurück. Heute blickt die 32-Jährige mit einer für ihr Alter erstaunlichen Weisheit auf diese dunkle Phase zurück. Der Unfall wurde zum Katalysator für eine tiefere, bewusstere Kunst. Sie lernte, ihr Schicksal anzunehmen, und kehrte mit einer völlig neuen künstlerischen Stimme auf die Bühne zurück.


Anastasia Schmidlin als Tonmeisterin in eigener Sache

Diese neu gewonnene Resilienz entlud sich in einer beispiellosen Produktivität während der Pandemiejahre ab 2020. Drei Alben hat Schmidlin seither aufgenommen: „Miniatures“, „XX UK“ und das im Juni erscheinende Album „Poetic Fire“. 


Über die wundervolle Werk-Auswahl der „Miniatures“ meinte sie: „In wenigen Minuten können ganze Geschichten entstehen. Vielleicht ist dieses Album gerade deshalb heute so aktuell. Unsere Welt wird immer schneller, und viele Menschen konsumieren Inhalte nur noch in kurzen Formaten.“


Das Besondere an ihren Produktionen: Sie weigert sich, die Kontrolle über den Sound abzugeben. Schmidlin arbeitet als ihre eigene Tonmeisterin. Für eine Albumproduktion nimmt sie mehrere Stunden „im Flow“ auf. Was folgt, sind viele weitere Stunden Feinarbeit am Computer, in denen sie das selbst aufgenommene Material auch selbst schneidet.


„Das Ergebnis ist 100% meines, absolut authentisch“, sagt sie selbstbewusst. „Den genauen Ausdruck weiß nur ich. Ich stehe hinter jeder Note.“ In einer sich rasant verändernden Musikwelt begreift sie den technologischen Umbruch als Chance. Man könne heute, so Schmidlin, „aus dem eigenen Zimmer heraus die Welt erobern“.


Die Presse bescheinigt ihr dabei regelmäßig eine „faszinierende Tonkultur in allen Lagen, eine stupende Technik und immense Ausdruckskraft“ sowie eine einnehmende „Star-Ausstrahlung“ (Luzerner Zeitung).


Pädagogik, Persönlichkeit und die Suche nach dem Unendlichen

Trotz ihrer internationalen Ambitionen bleibt Anastasia Schmidlin als Pädagogin geerdet. Sie unterrichtet am liebsten Kinder und Jugendliche im Alter von 7 bis 24 Jahren. Sie liebt das Individuelle des Unterrichts inklusive der dafür benötigten „angewandten Psychologie“.  Die mentale und körperliche Gesundheit ihrer Schüler steht an oberster Stelle. In einer Welt, in der Kinder mit Hobbys und Pflichten überfrachtet sind, will sie das Klarinettenlernen als stressfreien Raum verstanden wissen.


Für sie selbst bedeutet das Üben und das Erarbeiten neuer Werke reines Glück. Und es ist auch der Versuch, eine persönliche, fast spirituelle Verbindung zum Komponisten aufzubauen. 


Am Ende geht es Anastasia Schmidlin beim Musizieren und Konservieren ihrer Interpretationen um etwas Größeres als bloße Werktreue: Es ist das Teilen ihrer  Liebe dazu, ihrer existenzielle Suche nach jener flüchtigen „Nähe zur Unendlichkeit“.


Orchestergraben, 18.06.2026, Monika Csampai



Kommentare


bottom of page