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  • Kulturabdruck

Bach im Flow

"Für Robert Schumann war es das „Werk aller Werke“ und für Hans Bülow nicht weniger als das „Alte Testament“. Mit den 96 Präludien und Fugen des „Wohltemperierten Klaviers“ setzte Johann Sebastian Bach einen gewaltigen Meilenstein in die Musikgeschichte, doch auch dieses Ausnahmewerk ist nicht in Steiß gemeißelt. Neue, aufregende Interpretationen sind immer noch möglich, wie Alexandra Sostmann mit ihrer Einspielung des ersten Teils zeigt.

Die ersten 24 Paare aus je einem Präludium und einer Fuge entstanden 1722 „zum Nutzen und Gebrauch der Lehrbegierigen Musicalischen Jugend, als auch derer in diesem studio schon habil seyenden besonderem Zeitvertreib“. Ein reines Lehrstück über die Gleichberechtigung und grundsätzliche Verwendbarkeit sämtlicher Dur- und Moll-Tonarten hatte Bach also wohl nicht beabsichtigt, als er das „Wohltemperierte Klavier“ zu Papier brachte. Alexandra Sostmann folgt den 48 Stücken deshalb in ihr systemunabhängiges Eigenleben und versucht, für jedes einzelne eine individuelle Ausdrucksweise zu finden. „Kantables Spiel“ bedeute bei Bach doch eigentlich, „zwei oder drei Stimmen wie eine menschliche Stimme zu gestalten, aber eben auch differenziert zu artikulieren.“

Das im Booklet abgedruckte Gespräch zwischen der Pianistin und dem Musikjournalisten Robert Nemeczek zeichnet den langen Weg von Überlegungen zur barocken Aufführungspraxis bis zur konkreten Gestaltung auf einem modernen Instrument nach. Die Diskussionen über den Einsatz des Tonhaltepedals, Proben auf dem Clavicord, Bezüge des „Wohltemperierten Klaviers“ zu Bachs Passionen, Kantaten und Instrumentalwerken oder die Zahlensymbolik gewähren spannende Einblicke in den Entstehungsprozess dieser Aufnahme, die das Hörerlebnis noch einmal vertiefen.

Wer sich auf dieses konzentriert, wird allerdings auch ohne Zusatzinformationen schnell feststellen, dass der „WTK“-Kosmos durch Alexandra Sostmann noch einmal entscheidend bereichert wurde. Ihr Anschlag ist glasklar und findet doch immer neue, faszinierende Nuancen, um die Schönheit, Intensität und Tiefe der Musik zum Ausdruck zu bringen und mit jedem Präludium und jeder Fuge eine andere Geschichte zu erzählen.

Zusammen ergeben alle 48 allerdings auch einen gemeinsamen Kontext, weswegen man den Versuch einer zweistündigen Auseinandersetzung mit dem gesamten ersten Teil keineswegs scheuen sollte. Alexandra Sostmann mochte sich während der Produktion jedenfalls nur ungern mit anderen Dingen beschäftigen. „Bach lässt beim Spielen nicht die geringste Ablenkung zu. Man ist sofort raus. Das geht nur im Flow, im Hier und Jetzt, wahrhaftig und uneitel.“"

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