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  • Dr. Michael Loos, Klassik Heute+

echter Virtuose"

"Max Philip Klüser stellt auf seiner Debüt-CD Schubert-Transkriptionen neben Mozart, Widmann und Syzmanowski. Das Ergebnis kann sich definitiv hören lassen.


Welche Werke kommen auf das Debüt-Album? Keine einfache Entscheidung für einen jungen Musiker. Geht er auf Nummer Sicher und entscheidet sich für Standard-Repertoire, steht er einer übermächtigen Konkurrenz gegenüber. Und so mancher Musikkritiker wird sagen: Schon wieder Chopin, Schumann und Beethoven. Fällt die Wahl auf selten gespielte (oder gar zeitgenössische) Werke, wird das CD-Label nicht glücklich sein: Ob sich das verkauft? Natürlich sind auch Zwischenpositionen möglich, doch Max Philip Klüser hat sich hier überwiegend für das selten gespielte und (in einem Fall) sogar zeitgenössische Repertoire entschieden.

Mozart ist zwar auch mit einem Werk vertreten, aber neben Schubert-Bearbeitungen (von Liszt, Rachmaninow und Godowsky) sind es vor allem zwei Kompositionen, die aufhorchen lassen: Zum einen die 'Masken' ('Masques') des polnischen Tondichters Karol Szymanowski und daneben die 'Sonatine facile' von Jörg Widmann, deren Titel augenzwinkernd auf Mozarts 'Sonata facile' referenziert. A propos Titel, die Veröffentlichung hat natürlich auch einen Titel, nämlich 'Reflections'. Sofern man Transkriptionen als Reflexionen eines Komponisten über das Werk eines Kollegen interpretieren möchte, wirkt dieser Titel immerhin plausibler als so manch anderer, der einem Klavier-Recital mehr oder weniger zwanghaft übergestülpt wird.

Die drei Schubert-Transkriptionen zeigen bei allen Stil-Unterschieden der Bearbeiter doch den gemeinsamen Willen, die Melodie des Originals stets im Vordergrund zu lassen und es mit der (unstrittig vorhandenen) Virtuosität nicht zu übertreiben. Dies geht einher mit einer Verpflichtung an den Interpreten, nie zu vergessen, dass es sich um eine Lied-Bearbeitung handelt, und nicht etwa um eine Etüde. Klüser trägt dem insofern Rechnung, als er die Tempi nicht überzieht und die Melodielinie stets angemessen hervorhebt. Der Klavierton wurde bestens eingefangen, das Klangbild ist differenziert und ausgewogen. Den spritzigsten Eindruck hinterlässt die 'Forelle' in der Bearbeitung von Liszt.


Widmanns 'Sonatina facile', die sich auch in den Titeln der Sätze an Mozart orientiert, ist zwar nicht haarsträubend schwierig zu spielen, aber durch ihre abrupten stilistischen Sprünge dennoch ein komplexes Werk. Klüser gelingt es, diese Mehrdimensionalität – ein Takt klingt noch nach 18., der nächste dann schon nach 21. Jahrhundert – schlüssig zu vermitteln. Ob man Widmanns Idee einer 'Mozart-Widmann-Synthese' gelungen findet oder mit einem Schlagwort wie 'postmoderne Beliebigkeit' ablehnt, ist ein Stück weit Geschmackssache. Festzuhalten bleibt jedenfalls, dass der Komponist die Herausforderung annimmt und Klüser ihm diesbezüglich nicht nachsteht. Im Beiheft erwähnt er nachvollziehbar die 'Klangzustände', die hier hervorgerufen werden – in einer Sonatine, die zwar das 'facile' im Titel trägt, aber gewiss keine leichte Kost darstellt.

Dies gilt auch für die folgenden Mozart-Variationen über 'Unser dummer Pöbel meint' KV 455, die rein manuell auch für einen begabten Amateur-Pianisten erreichbar sind. Sie so subtil und dynamisch differenziert auszugestalten wie Klüser – das ist das schon eine deutlich komplexere Angelegenheit. Besonders reizvoll finde ich die Gegenüberstellung von einer Komposition 'mit' Mozart (Widmanns Werk) und einer Original-Mozart-Komposition. Die Kontraste, aber auch die Gemeinsamkeiten kommen so bestens zur Geltung.


Das technisch schwierigste Werk auf dieser CD sind die 'Masken' von Szymanowski, bei denen Klüser sich nun auch einmal als echter Virtuose zeigen kann. Die rasanten Skalen und Sprünge gelingen ihm ebenso gut wie intensive Akkordballungen, bei denen allerdings hier und da doch ein etwas halliger Klang entsteht. Szymanowskis expressive Wucht ist offenbar deutlich schwerer klanglich einzufangen als die übrigen hier versammelten Stücke. Dramaturgisch war es jedenfalls klug, den Zyklus ans Ende der Silberscheibe zu stellen: Nach so viel virtuosem Aufbäumen ist in der Tat ein Schlusspunkt erreicht, Aufmerksamkeit für etwa Widmanns mehrdeutige Mozart-Verästelungen hätte jetzt kein Hörer mehr gehabt.

Ein gelungenes Debüt also, das neben vielen anderen Aspekten vor allem auf die enorme stilistische Bandbreite Klüsers verweist: Schubert-Bearbeitungen, Mozart, Widmann und Szymanowski muss man erst mal unter einen Hut kriegen. Natürlich könnte man diesen Aspekt auch umdrehen und auf eine gewissen Beliebigkeit des Programms verweisen – wer jedoch eine solche Zusammenstellung schätzt, kommt definitiv auf seine Kosten."



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