• Dr. Ingobert Waltenberger, Merker online

"Ein (unterhaltsames) Album wie ein erfrischendes Bad in einem klaren Gebirgssee"

"Die neue CD der deutschen Pianistin Alexandra Sostmann nimmt ähnlich wie ihr letztes, bei TYXArt erschienenes, Bach, Byrd, Gibbons und zeitgenössischer Musik gewidmetes Album den musikalischen Anfang in der (frühen) Barockzeit. Originalkompositionen für Tasteninstrument wie das Ricercar in d-Moll und das Capriccio in g-Moll des Frescobaldi Schülers Johann Jakob Froberger, die Partita mit den Variationen über das Kirchenlied „Ach wie nichtig, ach wie flüchtig“ von Georg Böhm oder die Ciacona in f-Moll von Johann Pachelbel stehen Bearbeitungen barocker Vorlagen gegenüber. So hören wir drei Arrangements des russischen Konzertpianisten Samuil Feinberg für Klavier: Die „Canzona prima“ und das „Capriccio pastorale“ von Girolamo Frescobaldi sowie die Choralbearbeitung „Nun komm der Heiden Heiland“ von Johann Sebastian Bach.

Bearbeitungen eröffnen stets neue Perspektive auf ein Werk: Ottorino Respighi etwa war von Frescobaldi fasziniert und versah dessen „Passacaglia per organo“ mit spätromantischen Harmonien. Auch György Ligeti hat seine Musica Ricercata Nr. 11 ebenso als Ommagio a Frescobaldi konzipiert. Neuer Wein in alten Schläuchen? Ligeti hat aus dem Ricercar, einer Art kontrapunktischer Vorläuferform der Fuge, etwas fantasievoll Eigenes gezaubert mit einer Tonreihe aus zwölf Halbtonschritten, parallel sich bewegenden Stimmen und komplex rhythmischer Fragmentierung. Das Stück darf in seinen humorvollen Verzerrungen und Freiheiten als Gegenstück zur Unterdrückung von Kunst im Ungarn der 50-er Jahre aufgefasst werden.

Johannes Brahms wiederum hat die bekannteste Chaconne Bachs, da ist der sechste Satz aus seiner Partita in d-Moll für Violine solo, für die linke Klavierhand u.a. mittels Transponierung um eine Oktave nach unten bearbeitet. Johann Sebastian Bach, der als Kind nächtens Cembalokompositionen aus dem Notenschrank seines Bruders Johann Christoph abgeschrieben haben soll, hat natürlich auch Stücke anderer Komponisten bearbeitet. Alexandra Sostmann hat für ihr Album das Adagio aus dem Konzert in d-Moll, BWV 974, gewählt., dessen musikalische Substanz Bach einem „Oboenkonzert“ von Alessandro Marcello entnommen hat.

Etwas aus dieser Reihe fallen die „Variationen zur Gesundung von Arinuschka“ von Arvo Pärt. Der estnische „Wiederentdecker“ des Dreiklangs wirkt seinem sogenannten „Tintinnabuli“- Stil wie der musikalische und spirituelle Ruhepol des Albums inmitten all der barocken Schnörkel.

Alexandra Sostmann geht ihr Album wie gewohnt mit aller entwaffnenden natürlichen Kunstfertigkeit in Anschlag, Phrasierung und Dynamik an, die Musik unterschiedlicher Stilrichtungen im besten Fall unmittelbar verständlich und dadurch dringlich macht. Wie es diesem Repertoire geziemt, lässt Sostmann als stolze Baumeisterin der kompositorischen Strukturen die Notentexte als architektonische Modelle abseits jeglicher Romantizismen und Weichspülerei erstehen. Barockes und Zeitgenössisches zu mixen ist soundso eine gute Idee. Damit gelingt es nicht nur, auf faszinierende Weise akademische musikhistorische Konnexe aufzuschlüsseln und unmittelbar erlebbar zu machen. Das ist zudem wie ein Match zweier Fußballmannschaften, wo Barocke und Neutöner, gemischt aufgeteilt auf zwei Teams, einander freundschaftlich konkurrierend die Bälle zuspielen und am Ende gemeinsam die große Hymne auf die Kunst anstimmen. Und feststellen: Gemeinsam sind wir mehr.

In diesem Sinne: Ein (unterhaltsames) Album wie ein erfrischendes Bad in einem klaren Gebirgssee.

Zur CD-Besprechung