• Dr. Ingobert Waltenberger, online merker

Empfehlung!

Das Beste und Sinnstiftendste zum „Beethoven-Jahr“ sind wohl die überraschenden Programme, die sich mit Beethovens Schaffen und querverweisend seinem zeitgenössischen Umfeld befassen. Auf einmal wird messerscharf erkennbar, wie erstklassige Tonschöpfungen angesichts des gnadenlos grobmaschigen Filters der Rezeptions- und Aufführungsgeschichte einfach in Nichts fielen. Nur die großen Haie im Netz hatten Bestand.


Das ändert sich gerade – Jubiläum sei Dank – durch so erstklassig konzipierte und realisierte Serien wie etwa „Beethovens Welt“ von Sony. Plötzlich wird Komponisten wie Reicha, Wranitzky, Hummel, Clement, Vanhal, Kozeluch, Dussek oder Voříšek und deren (instrumentalem) Schaffen jene Aufmerksamkeit zuteil, die ihre Stelle im lange in Beton gegossenen Koordinatensystem der musikalischen Werteordnung näher zum gebührenden Platz rückt. Hier fungiert Beethoven einmal nicht als die (für) alles blind machende Sonne und legendenumwobener alles verschlingender Titan, sondern als Türöffner für Voříšek und den Habsburger Rudolph.


Die neue CD des Duos Brüggen-Plank stellt die zehnte und damit letzte Violinsonate von Beethoven in G-Dur Op. 96 ins Zentrum. Den prächtigen Rahmen bilden die Sonate in G-Dur Op. 5 von Jan Václav Voříšek und die Sonate in f-Moll von Erzherzog Rudolph von Österreich. Die inhaltliche Anknüpfung funktioniert hier wohl über den Bruder des Kaisers Franz und Schwager der Kaiserin Maria Theresia, Erzherzog Rudolph aus Österreich. Der technisch exzellente Pianist und letzte Beethoven-Schüler spielte neben dem französischen Geiger Pierre Rode nämlich nicht nur die Uraufführung der Violinsonate Op. 98 im Palais des Fürsten Lobkowitz, sondern war auch deren Widmungsträger. Beethovens Widmungspolitik gestaltete sich ja durchaus karrierebewusst, wie wir wissen. Also nahm er, was sich bot und widmete zudem seine Klavierkonzerte 4 und 5 oder die ‚Große Füge‘ dem hochadeligen Förderer. Auch Voříšek, der zum Nachfolger Beethovens als Leiter der ‚Gesellschaft de Musikfreunde‘ aufgebaut werden sollte, widmete seine Sonate Op. 5 dem musikalischen Erzherzog.

Henrike Brüggen (Klavier) und Marie Radauer-Plank (Violine) bzw. der stets neugierige Dirigent und Alte-Musik Guru Reinhard Goebel, aus dessen Feder der lesenswerte Aufsatz „Beethovens Violinsonate Op. 96 im Kontext“ stammt, interessieren sich für Repertoire abseits ausgetretener Pfade. Das Duo Brüggen Plank hat schon erfolgreich Alben mit Musik von George Enescu und Karol Szymanowski bei Genuin herausgebracht.

Die drei im Rahmen ihrer ersten Zusammenarbeit mit dem Label Audax gewählten Stücke reflektieren nicht nur verschiedene Reifegrade damaliger kammermusikalischer Kompositionsvirtuosität, sondern auch die gesellschaftliche Dimension des Musikschaffens in Zeiten eines von adeligen Amateuren geprägten Wiener Mäzenatentums. Eine wundersame Welt im ideengeschichtlichen Umbruch, voll von musikalischer Innovation und künstlerischer Weltenflucht.


Das deutsch-österreichische Frauenduo Brüggen-Plank vermittelt in seiner Interpretation exakt jene Schönheit im aleatorischen Noten- und Genienspiel der kaum noch maskierten Emotionen, die den Inhalt in der Form sublimiert und dennoch einer eigenen höheren Wahrheit zuführt. Den hochfliegenden Idealismus Beethovens, aber auch die Sehnsucht nach Träumen und Weiterführen einer Tradition aus dem Geiste Mozarts in neuere und verklüftetere Gefilde, die Voříšek und den Erzherzog gleichermaßen inspiriert haben dürften, vermögen Henrike Brüggen und Marie Radauer-Plank ebenso in berauschenden Klang zu gießen. Besonders hat mich neben Voříšeks frischem Frühwerk überrascht, wie experimentell verspielt und gleichzeitig technisch ausgefeilt der Erzherzog schreiben konnte. Er war wohl ein guter Schüler des Meisters. Empfehlung!

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