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  • Beatrice Ballin

Interview mit Thilo Dahlmann und Hedayet Jonas Djeddikar zur neuen CD

Volkslieder von Johannes Brahms und Holocaust-Lieder (In Memoriam) von Norbert Glanzberg vereint die CD The Last Epiphany von Challenge Classics mit dem Bass-Bariton Thilo Dahlmann und dem Pianisten Hedayet Jonas Djeddikar. Beatrice Ballin hat ihnen zu der ganz besonderen Produktion ein paar Fragen gestellt.



Norbert Glanzberg machte als Komponist von Schlagern, Chansons – besonders wäre da natürlich das bekannte Padam padam für Edith Piaf hervorzuheben – und Filmmusik Karriere. Erst ab 1980, im Alter von 70 Jahren, wandte er sich wieder der ‘ernsten’ Musik zu. Wie sind Sie auf seine 1984 entstandenen Holocaust-Lieder für Bariton und Klavier aufmerksam geworden?

TD: Mir war der Komponist Norbert Glanzberg vorher kein Begriff. Ich denke, dass er in Deutschland generell weitgehend in Vergessenheit geraten ist, während er sich in Frankreich noch als Chansonkomponist eine gewisse Berühmtheit bewahrt hat.

Ich habe auf verschlungenen Wegen von ihm erfahren. Als ich am Wuppertaler Standort der Kölner Musikhochschule unterrichtet habe, sprach mich der Musikwissenschaftler und damalige Direktor Lutz-Werner Hesse an, ob ich Interesse hätte, einen unbekannten Liederzyklus im Rahmen eines Hochschulkonzerts aufzuführen. Es handelte sich um das von uns nun aufgenommene Werk In Memoriam von Norbert Glanzberg.

Hesse hatte seinerseits die Noten vom Rektor der Universität Wuppertal erhalten, dessen Bruder im Jahr 2000 als Gesangsstudent an der Musikhochschule Würzburg die Lieder mit Norbert Glanzberg selbst kurz vor dessen Tod erarbeiten und auch aufnehmen durfte.

War in Ihnen dann sofort der Wunsch gereift, die Lieder auf CD aufzunehmen? TD: Das war ein Gedanke, der erst mit der Zeit gereift ist. Ich habe die Lieder im Konzert gesungen und auch später immer wieder einmal in den Unterricht mit Studierenden an der Frankfurter Musikhochschule eingebaut. Der Zyklus selbst ist nicht abendfüllend. Das heißt, man muss um einen ganzen Liederabend zu füllen, andere Werke dazu kombinieren. Und damit ist aus meiner Sicht schon ein großes Problem beschrieben. Welche Lieder führt man gemeinsam mit diesen Liedern auf? Eine ganze Zeitlang blieb dieses Projekt also immer im Hinterkopf. Es gibt einige beeindruckende Vertonungen aus dieser Zeit oder auch Werke, die sich mit dem gleichen Themenkomplex beschäftigen. Auch eine Kombination mit beispielsweise den Rückert-Liedern von Mahler wäre sicher denkbar gewesen. Aber irgendwie passte dies in meinem Kopf nicht zusammen. Am Ende war es aber eine Aussage Glanzbergs, dass er in diesen Liedern « dem Schrecken die Schönheit gegenüberstellen wollte“, die die Idee reifen ließ, einen ganz anderen Weg zu beschreiten.


Sie haben dann auf dieser CD Deutsche Volkslieder von Johannes Brahms ausgewählt. Auf den ersten Blick wirkt das fast verstörend. TD: Das verstehe ich. Wir haben diesen für uns zentralen Satz Glanzbergs von der Gegenüberstellung von Schrecken und Schönheit dann aber wörtlich genommen. Wenn man die Texte liest, die Glanzberg in einer Gedichtsammlung gefunden hat und die ihn zur Komposition des Werkes veranlasst haben, so stand Glanzberg vermutlich vor einer ähnlichen Entscheidung wie wir bei der Auswahl der Stücke für dieses Programm. Welche Tonsprache sollte er wählen, um diesen Texten einen Klang zu geben. Glanzberg hat sich für eine teilweise berückend schöne und ebenso verstörende Musik entschieden. Wir haben uns überlegt, welche Werke des romantischen Liedrepertoires, auf das sich Glanzberg übrigens ausdrücklich bezieht, bedeuten für uns eine größtmögliche Schönheit und sogar Unschuld. Dies führte uns zu den Volksliedvertonungen von Johannes Brahms, mit denen er selbst Unberührtheit und Natürlichkeit suchte. Gerade durch diese größtmögliche Distanz möchten wir auf dieser CD verdeutlichen, wie groß der Kulturbruch durch die Schrecken des Holocaust für die Menschen aber auch für die Kultur im Ganzen ist. HJD: Die Deutschen Volkslieder von Johannes Brahms repräsentieren für mich alles das, was wir als das Reine, Schöne, Gute empfinden. In ihrer Schlichtheit, Tiefe, Weisheit und Lebensfreude haben sie mich schon immer tief bewegt. In der Gegenüberstellung mit In Memoriam von Norbert Glanzberg wird für mich das Zerbrechen von Zivilisation und Kultur umso deutlicher.

Sie sprachen die Tonsprache Glanzbergs an. Wie würden sie diese und die Wirkung auf die Hörer beschreiben. Haben Sie eine Vorstellung, warum er die Lieder so vertont hat, wie er es getan hat? TD: Die Lieder stehen ganz eindeutig in der Tonsprache des romantischen Klavierlieds. Bei manchen Liedern lässt sich sogar vielleicht etwas Chansonhaftes erkennen. Ein paar wenige Vertonungen brechen diesen Schönklang und verdeutlichen in einer gemäßigt modernen Schroffheit die Härte der vertonten Gedichte. Es war ihm ein Anliegen, Menschen mit diesem Thema zu sensibilisieren. Es sind aus meiner Sicht keine Anklagen, sondern die Vertonung tiefster menschlicher Empfindungen und Erfahrungen, in einer musikalischen Sprache, die die Menschen nicht nur intellektuell, sondern auch zutiefst emotional erreichen kann.

Ebenso wichtig wie die musikalische Seite des Liederzyklus scheinen mir die vertonten Texte zu sein. Es handelt sich bei den Autoren der Gedichte um Zeitzeugen des Holocaust, zum größten Teil auch von Opfern des Nationalsozialismus, die im Booklet auch mit einer Kurzbiographie gewürdigt werden. TD: Ja, ganz unbedingt. Es sind bekanntere, aber zum Teil auch unbekannte Autoren. Die Gedichte stehen alle in unmittelbarem biographischem Zusammenhang der Autoren. Uns war es ganz wichtig, diese Schicksale aufzuzeigen. Eine Reihe von Texten sind beispielsweise direkte Reaktionen auf die eigenen Todesurteile. Es gibt zwei Lieder auf Gedichte des Schriftstellers und kommunistischen Widerstandskämpfers Adam Kuckoff für Ule und Greta. Er schrieb diese Gedichte in Abschiedsbriefen an seine Frau Greta und seinen fünfjährigen Sohn Ule am Vorabend seiner Hinrichtung in Plötzensee. Wenn Sie dann hören, mit welcher fast ätherischen Schönheit Glanzberg Kuckoffs Worte im Lied an seinen Sohn Ule „so lass ich dich vaterlos zurück, das Menschenvolk wird dir dein Vater sein“ vertont, dann verschlägt es Ihnen die Sprache. HJD: Schon immer hat mich die Zeit des Dritten Reichs mit den schrecklichen Schicksalen so vieler Menschen besonders berührt. Als ich den Zyklus In Memoriam von Norbert Glanzberg kennenlernte, hat er in mir verschiedene Saiten zum Schwingen gebracht. Zum einen über die Texte im Zusammenhang mit den Lebensgeschichten ihrer Verfasser – Texte, die zum Teil in ausweglosen Situationen mit dem Tod vor Augen entstanden sind. Zum anderen über die Verbindung zur Musik Glanzbergs, die in einigen Liedern in ihrer Schönheit das Zerbrochene und die Abgründigkeit der Texte umso schmerzhafter wirken lässt.

Sie sagten, dass sie die Lieder schon im Konzert gesungen haben. Wie war die Reaktion des Publikums? TD: Hedayet Djeddikar und ich haben sogar diese Kombination aus Brahms‘ Volksliedern und den Holocaust-Liedern Glanzbergs so im Konzert aufgeführt. Daher war uns auch bewusst, dass diese Zusammenstellung nicht nur funktioniert, sondern aus unserer Sicht den Liedern Glanzbergs in besonderer Weise gerecht wird. Wir haben ein paar einleitende Worte über die Autoren, die Texte und die biographischen Hintergründe gesagt. Das Publikum erschien uns bewegt und erschüttert. Aber was uns am meisten aufgefallen ist – und das wurde uns auch vom Publikum so gespiegelt – die Menschen waren von den Liedern berührt. Und ich denke, dass genau dies das Anliegen Glanzbergs gewesen ist. Und es ist auch unser Anliegen mit dieser Aufnahme. Wir wollen den Schrecken nicht ‘ausstellen’. Wir möchten uns in den Dienst der Komposition stellen. Berühren und bewegen.

In welchem Zusammenhang steht der Titel der CD, The Last Epiphany? TD: Es handelt sich hierbei um die englische Übersetzung eines vertonten Gedichts aus diesem Zyklus mit dem Titel ‘Die letzte Epiphanie’ von Werner Bergengrün. Wir verstehen die Epiphanie hier nicht im theologischen Sinn, sondern vor allem im Wortsinn einer Erkenntnis oder Offenbarung. Wenn es uns gelingt, in der Interpretation der Lieder Glanzbergs und der Kombination mit den schlichten und ‘unschuldigen’ Liedern Brahms eine Erkenntnis bei uns und den Hörerinnen und Hörern zu erzielen, dann haben wir sehr viel erreicht.

Als letztes Lied der Einspielung musizieren Sie Franz Schuberts Abendstern. Was hat sie dazu bewogen, dieses Lied auszuwählen und an die Lieder Glanzbergs anzuhängen? TD: Wir haben für diese Einspielung nach einem Werk gesucht, dass für uns wie ein Epilog das gesamte Programm abrundet. Und dieser Gedanke führte uns eigentlich sehr schnell zu Schuberts Abendstern. Auch wenn es in diesem Lied vordergründig um Liebe geht, so steht doch der Gedanke der Einsamkeit und des Nicht-dazu-Gehörens im Zentrum der Vertonung. Gedanken, die auch für Glanzberg und die Dichter seiner Kompositionen eine lebendige Erfahrung waren. Wie Glanzberg in seinen Liedern, hat auch Schubert die Trauer dieser sicher auch für ihn subjektiven Erfahrung in berückend schöne Musik gekleidet. Somit schließt sich für uns in diesem Programm durch dieses Lied Schuberts ein Kreis.

Eine letzte Frage: Wie lange arbeiten Sie schon zusammen und welches sind die Schwerpunkte Ihrer Arbeit? HJD: Thilo und ich sind uns schon zu Studienzeiten über gemeinsame Lehrer und unsere Liebe zu Liedern begegnet. In der ersten Zeit unserer Zusammenarbeit waren es vornehmlich die großen Liedzyklen, die uns beschäftigt haben, vor allem Werke wie Winterreise, Dichterlieb“ oder Die schöne Magelone. In der Folge haben wir auch immer wieder thematische Programme gestaltet. Wenn uns Werke oder Ideen begegnen, die uns faszinieren, fangen wir an, uns mit ihnen zu beschäftigen, zu Beginn oft nicht auf intellektueller Ebene, sondern vielmehr im Erspüren des seelischen Gehalts – und daraus entstehen im Laufe der Zeit dann Programme wie beispielsweise das jetzige, The Last Epiphany.




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