• Antje Rößler, Klassik Heute

"reizt den gesamten Tonumfang ihres Instruments aus"

"Diese CD erzählt vom europäisch-amerikanischen Austausch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In beide Richtungen bestiegen zahlreiche Musiker und Komponisten die Transatlantik-Dampfer, um auszuwandern oder auf Tournee zu gehen. Sie erlebten Neues und erinnerten sich an die Heimat. Diese Wechselwirkungen reflektiert die Harfenistin Anne-Sophie Bertrand auf ihrem Album „Transatlantiques“, dessen kundigen Booklet-Text sie selbst geschrieben hat. Darin erfährt man etwa, dass auch Maurice Ravel 1928 gen Amerika schipperte. Im Gepäck hatte er die Klaviernoten seiner halsbrecherisch virtuosen Miroirs. Deren impressionistisches Flirren und Glänzen kommt, so zeigt sich, auch auf der Harfe ausgesprochen gut zur Geltung.


Eine Harfen-Sonate der Ravel-Schülerin Germaine Tailleferre weist jazzige Rhythmen auf. Anne-Sophie Bertrand greift hier rasant in die Saiten und reizt den gesamten Tonumfang ihres Instruments aus. Tailleferre bewegte sich in denselben Pariser Kreisen wie der polnische Jude Alexandre Tansman, der 1941 nach Amerika fliehen konnte und dort ein schunkelndes Blues-Prelude schrieb. Zur selben Zeit emigrierten Paul Hindemith und Béla Bartók in die USA. Als Beispiel für Einflüsse in der Gegenrichtung dient die effektvolle, polyrhythmische Bariolage des Amerikaners Elliott Carter, der sich an der europäischen Avantgarde orientierte.


Das Spannungsfeld zwischen Spätromantik und Moderne, zwischen Alter und Neuer Welt, verkörperte wohl kaum ein Musiker so intensiv wie Sergej Rachmaninow. Er hatte noch im zaristischen Petersburg studiert. Seine letzten Jahre verbrachte er unter kalifornischen Palmen, wo er sein Heimweh pflegte und miserabel Englisch sprach. Bei Rachmaninows Études-Tableaux op. 33, die noch in Russland entstanden, funktioniert die Übertragung orchestralen Klangfarben auf die Harfe ebenfalls erstaunlich gut.

Die Musikerin Anne-Sophie Bertrand führt selbst ein kosmopolitisches Leben: In Paris geboren, studierte sie in London und Brüssel, spielt im hr-Sinfonieorchester und sitzt in amerikanischen Wettbewerbs-Jurys. Ihr klug zusammengestelltes Programm komplettiert sie mit den barockisierenden Variationen des Franzosen Carlos Salzedo, Toscanini-Protegé und Harfenist im New Yorker Metropolitan Orchestra."

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