• Holger Sambale, Klassik Heute

"Spannungsvolle, detailreiche Interpretationen"

"Mit der vorliegenden Einspielung gibt das Hegel-Quartett seine CD-Premiere, ein Ensemble, dessen Mitglieder aus den USA, Kanada und Australien stammen, im Rahmen ihres Studiums (unabhängig voneinander) nach Deutschland gekommen sind und hier mittlerweile schon lange leben und arbeiten, etwa als Orchestermusiker. Für ihr erstes Album haben die vier Musiker bewusst zwei Komponisten ausgewählt, die den umgekehrten Weg gegangen sind und aus Deutschland emigrieren mussten, nämlich Fritz Kreisler mit seinem einzigen Streichquartett sowie Erich Wolfgang Korngold, von dem das Hegel-Quartett sein Streichquartett Nr. 3 und drei Stücke aus der Schauspielmusik zu „Viel Lärm um nichts“ (in Korngolds eigener Bearbeitung) spielt.


Natürlich bilden Salonpiècen und kleinere Stücke im Stile älterer Meister den Schwerpunkt von Kreislers Schaffen, und insofern stellt sein wohl 1919 entstandenes Quartett in a-moll eine Ausnahme dar. Dennoch: obwohl es ein Werk in den üblichen vier Sätzen, ohne Suitencharakter und von einer eher ernsten Grundstimmung ausgeht, verleugnet es keineswegs den Komponisten der „Alt-Wiener Tanzweisen“. Ganz am Anfang steht zwar eine rezitativisch geprägte, angespannte Einleitung, aber das Hauptthema das ersten Satzes besitzt unzweifelhaft den Charakter eines (melancholisch gefärbten) Walzers. Und so schreibt Kreisler ein halbstündiges Quartett, das Melos und Idiom seiner kleinen Charakterstücke aufgreift, aber in einen größeren Zusammenhang stellt, wobei die große Form allerdings tendenziell eher aus einer Reihung von Episoden besteht.


Interessanterweise erfreut sich die Kombination von Quartetten Kreislers und Korngolds einer gewissen Beliebtheit; bereits das Angeles String Quartet und das Brodsky Quartet haben Kreisler mit Korngolds Nr. 3 bzw. Nr. 2 gekoppelt. Auf den ersten Blick erscheint diese Kombination sinnig, bei näherem Hinsehen allerdings überwiegen doch die Unterschiede: Kreislers Musik ist direkter und wahrscheinlich auch unmittelbarer eingängig, um seine Melodik herum zentriert, aber Korngolds Quartett, geschrieben gegen Endes des Zweiten Weltkriegs, ist hinsichtlich seiner Komplexität, seiner klanglichen und satztechnischen Raffinesse und der konzentrierten motivisch-thematischen Arbeit ein anderes Kaliber. Hier haben wir es mit einem echten Meisterwerk zu tun, dessen Herzstück sein langsamer Satz ist. „Like a folk tune“ überschrieben, geht es in der Tat von einem einfach gehaltenen, liedhaften Thema aus, auf Basis dessen sich dann aber ein tief empfundenes, trauererfülltes Adagio in es-moll entfaltet. Die anderen Sätze sind zwar kürzer und lichter gehalten, aber nicht weniger meisterhaft. Die drei Stücke aus „Viel Lärm um nichts“ runden das Programm auf beschwingt-reizvolle Weise ab.


Das Hegel-Quartett liefert eine gut gearbeitete, detailreiche und spannungsvolle Neuinterpretation dieser Werke. Auch dem Wiener Idiom, dem Charme und Witz, der diese Musik immer wieder auszeichnet, trägt das Quartett Rechnung, (...). Auf hohem Niveau bewegt sich auch die Einspielung des Korngold-Quartetts, die sich zum Beispiel sehr gut mit der Aufnahme des Aron-Quartetts (cpo) messen kann; den sardonischen Witz des Scherzos etwa trifft das Hegel-Quartett gekonnt."

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