"der beseelte, reine Klang von Frau Ottos Sopran vermittelt die Illusion einer überirdischen Offenbarung."
- Klassik Heute
- 28. Dez. 2025
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10-10-10 Klassik Heute-Empfehlung
Der Begriff „Nostalgie“ wird bei uns im landläufigen Sprachgebrauch als wehmütige Hinwendung zu vergangenen (und gerne verklärten) Zeiten verstanden und ist kaum mit religiösen Dingen konnotiert. Für die Sängerin Gudrun Sidonie Otto und den Organisten Andreas Liebig verbindet er sich dagegen mit der Frage: „Wo finden wir das Schöne, Wahre und Gute – auch im Angesicht des Todes?“ Die Bedrohungen der sogenannten „Corona-Pandemie“ und des weltweiten Rüstungswahnsinns haben sie gedrängt, darauf eine musikalisch-spirituelle Antwort zu geben. Mit der Verquickung der 11 Choralvorspiele op. posth. 122 von Johannes Brahms und der Biblischen Lieder op. 99 von Antonín Dvořák gelingen ihnen wie schon im vorher veröffentlichten Programm „De profundis“ tief schürfende, zu Herzen gehende Interpretationen.
Eine warmherzige Empfehlung von Johannes Brahms an den Verleger Fritz Simrock („Jedenfalls ist er ein sehr talentvoller Mensch. Nebenbei arm! Und bitte ich das zu bedenken!“) begründete 1877 die Karriere des bis dahin mittellosen und unbekannten böhmischen Musikers Antonín Dvořák. In späteren Jahren entwickelte sich eine enge, von gegenseitiger Anerkennung geprägte Freundschaft zwischen beiden Meistern. Sie hier mit geistlichen Musiken unmittelbar zu verbinden, war eine sehr gute konzeptionelle Idee: hier der skeptische norddeutsche Protestant („und doch glaubt er an nichts“ mutmaßte Dvořák), dort der tiefgläubige Katholik aus Böhmen finden zu einer gemeinsamen Sprache auf der Suche nach den letzten Dingen. Die „dialektische Spannung zwischen Leben und Tod, Liebe und Verlust, Schmerz und Trost“ bestimmt das vorliegende Programm. Für Brahms waren Schlaganfall und Tod der Freundin Clara Schumann, möglicherweise auch die Ahnung des eigenen Endes der Auslöser der Kompositionen, die 1896 entstanden sind, aber erst 1909 posthum veröffentlicht wurden. Dvořák war 1894 in New York, wo er als Direktor des Konservatoriums wirkte, von tiefer Sehnsucht nach seiner Heimat geplagt und in Sorge um seinen schwerkranken Vater, der zwei Tage vor Fertigstellung der Lieder starb.
Gudrun Sidonie Otto und Andreas Liebig vermitteln die musikalischen und geistigen Inhalte der Kompositionen mit völliger Hingabe und Identifikation. „Nostalgia“ – das bedeutet hier die Sehnsucht nach Heimat und Erlösung. Es klingt etwas abgegriffen, von einer „Engelsstimme“ zu sprechen, aber der beseelte, reine Klang von Frau Ottos Sopran vermittelt die Illusion einer überirdischen Offenbarung. Und die verheißt Trost.
Ekkehard Pluta












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