• Dr. Ingobert Waltenberger, Merker online

"Die musikalische Substanz des Albums ist spannend, die Umsetzung auf der Bratsche fulminant."

"Ich gestehe. Ich bin verschossen in den Sound der Bratsche, das Instrument hat mich schon früh als begeisterter Hörer von Streichquartetten fasziniert, als ich noch Dauerabonnent der Zyklen des Alban-Berg Quartetts im Wiener Konzerthaus war. Da muss man schon genauer hinhören, um im Geflecht mit der übermächtigen themenführenden ersten Geige die erdige Noblesse der Bratsche vor allem in den unteren Registern zu erlauschen. Eigentlich ist die Bratsche ja so ein hybrides Streichinstrument, eine zu groß geratenen Geige, halt eine Quinte tiefer gelegen, aber zu wenig Holz da, als dass es für das königliche Cello gereicht hätte. Irgendwie ist sie das hässliche Entlein der Streicherfamilie. Oder doch nicht? Wie schon gesagt: Näher hinhören! Und dazu bietet Ursula Sarntheins neue CD jetzt eine großartige Gelegenheit.


Auf dem Album mit einem vordergründig sozialpsychologischen Titel gibt es also Bratsche pur. Da es nicht endlos Literatur für Bratsche solo gibt, hat sich die Künstlerin großteils für Arrangements entschieden. Der Titel der CD bezieht sich konkret auf die Polka „Nicht ganz allein“ von Noldi Alder, die deutsche Musikerin Ursula Sarnthein, Mitwirkende im Tonhalle Orchester Zürich, will aber auch ein allgemeines Gefühl der Geborgenheit im Zusammenhang mit der Beschäftigung mit Musik, sei es als Ausführende oder als Hörerin zum Ausdruck bringen. Außerdem spielt sie die Nummer „Cântec de dor / Brau“ von Marius Ungureanu gemeinsam mit der Kollegin Elisabeth Harringer. Also doch nicht ganz alleine.


Die Zusammenstellung des Programms ist biographisch motiviert, weil Sarnthein Stücke aus verschiedenen Zeiten und Stilen gewählt hat, die sie berühren bzw. die mit Musikern verknüpft sind, die ihren Weg gekreuzt haben. Neu dazugekommen ist das „Kleine Konzert für die Bratsche allein“ von Armin Schibler, das sie sich erst kürzlich erarbeitet hat.


Natürlich sind neben dem Klang eines Instruments auch genuine weitere Ausdrucksmittel wie Phrasierung, Artikulation, gestisches Erzählen von entscheidender Bedeutung für die Dichte an Emotionen, die sich übertragen. (...)


Die musikalische Substanz des Albums ist spannend, die Umsetzung auf der Bratsche fulminant. Besonders gut gelungen ist die „Passacaglia“ von Heinrich Ignaz Franz Biber, eigentlich für Violine geschrieben. Der Ton der Bratsche ist im Vergleich dazu bodenständiger, er hat etwas von einer intensiv farbigen Bauern- oder Bibelmalerei, urwüchsig, kraftvoll gestrichen, mit herben Aromen durchsetzt. Diese Biber‘sche „Schutzengel Sonate“ sieht Sarnthein mit der mythischen „Chaconne“ von Johann Sebastian Bach durch die verzierungs- und abwechslungsreiche Melodik und das anspruchsvolle polyphone Doppelgriffspiel verbunden.


So folgen wir – dem Ursprung des Wortes Passacaglia folgend („passer le calle“) – den Straßen des Lebens. Die führen einen bisweilen auf bunt laute Straßenfeste, wo rhythmisch stampfend aufgespielt wird. Da hat Sarnthein den alten dänischenTanz „Dronningens Contillion“ ausgegraben, den es schon 1775 in schriftlicher Form gab. Am anderen zeitlichen Ende der Skala der volkstümlichen Musik steht Harald Haugaards zeitgenössisches dänisches Volkslied„Peder Gyes“. Auf den Bretterböden der Dörfer ist auch die Spielmannsmusik „Rumlevadrillen“ zu Hause.


Appenzellerisches bot sich der Bratschistin durch ihre Wahlheimat Schweiz an. Wir hören üblicherweise gesungene „Naturjodel“ oder „Zäuerli“ und „lüpfige“ Tänze, von Sarnthein für die Bratsche eingerichtet, bevor mit Franz Anton Hoffmeisters „Variazioni“ aus der Etüde für Bratsche in G-Dur der Bogen zur Wiener Klassik geschlagen wird. Für Sarnthein verknüpft das Stück den Charme der Klassik mit einem einfachen volksliedhaften Thema.


Das Verdienst des Albums ist es, die mannigfaltigen Bezüge zwischen Barockmusik und dem volkstümlichen Tanz offenzulegen. So erleben wir auch keinen Schock, wenn auf Hoffmeister das rumänische Lied „A Frunzei“ folgt. Hier wird das Blattes Lied gesungen, im Wald von einem Strauch abgezupft. Keine Sorge: Diese bäuerliche Doina klingt auf der Bratsche um Vieles besser als Ihre Versuche vor Urzeiten, mit Grashalmen quietschende Töne zu produzieren.


Ein kurzer „Tanz“ von Krzysztof Penderecki leitet über zu Marius Ungureanus „Cântec de dor / Brau“. Wie Sarntheins ehemaliger Kollege im Tonhalle-Orchester Zürich beschreibt, bedeutet „dor“ Sehnsucht, ein Einsinken in die Melancholie, Trauer, Freude ohne bestimmten Inhalt, ein Klagelied der Freude, so widersprüchlich das auch klingen mag. Mir gefällt diese temperamentvolle Komposition in der Nachfolge von Bartók besonders gut. Auch Armin Schiblers dreisätziges „Kleines Konzert für die Bratsche alleine“ ist eine Entdeckung. Zwischen 1947 und 1950 entstanden, geben sich eine orientierungssuchende Elegie, ein launisches „Capriccio“ und ein ungestüm archaischer Tanz die Hand.


Eine Empfehlung nicht nur für augustherbstliche Abende!

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