"Ein wirklich ungewöhnliches Album!"
- pizzicato
- 8. Nov. 2025
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"Wenn das Leben sich in seiner Vergänglichkeit zeigt, geliebte Menschen und Weggefährten sterben, dann neigen nicht wenige Komponisten dazu, sich dem Glauben und der geistlichen Musik zuzuwenden. « Er ist ein so großer Mann, eine so große Seele, doch er glaubt an nichts“, meinte allerdings der streng katholische Antonin Dvorak über seinen Freund Johannes Brahms zu wissen. Doch Brahms war kein Atheist. Er war ein religiöser Freigeist. Die Bibel, die er sehr gut kannte, war ihm mehr eine Quelle seiner kulturellen Identität denn ein dogmatisches Glaubensbekenntnis.
1896 war Clara Schumann gestorben. Er selbst ahnte, dass seine Zeit bald kommen werde, die ersten Symptome seiner Krankheit zeigten sich bereits. Nach vierzig Jahren kehrte er zur Orgel zurück. In seinem letzten Werk op. 122, das 1902, fünf Jahre nach seinem Tod 1897, erscheinen wird, sucht er Halt in der kontrapunktischen Ordnung der alten lutheranischen Sterbechoräle wie ‘O Welt, ich muss dich lassen’ und bettet sie ein in einen schweren, vielstimmig-warmen Orgelsatz.
Nicht selten werden derartige Orgel-Choralvorspiele einheitlich, grau in grau, interpretiert: bei jedem Stück das gleiche Tempo, die gleichen Farben, die gleichen Orgel-Register. Der Basler Münsterorganist Andreas Liebig aber kostet Brahmsens gesamte dynamische und harmonische Bandbreite aus und holt aus jedem Vorspiel etwas Eigenes, Persönliches heraus. Die autobiografische Deutung von Musik ist oft nicht frei von Klischees. Bei Liebig aber erscheint etwa das Choralvorspiel ‘O Gott, du frommer Gott’ fast wie ein Seelengemälde des resigniert und zugleich verzweifelten Komponisten an der Schwelle des Todes: Mal ist Auflehnung zu spüren, dann Zögern. Dann wieder scheint alles aus dem Rhythmus zu geraten.
Gudrun Sidonie Ottos heller Sopran, ihre nuancierte beseelte Deklamation kommt wiederum ihrer Interpretation der Biblischen Lieder (Biblické písnĕ) op. 99 von Antonin Dvorak zugute.
Für seinen Liedzyklus, der 1894 noch in New York vollendet wurde, vertonte Dvorak Texte aus der Kralitzer Bibel, der wichtigsten tschechischen Übersetzung der Heiligen Schrift. Dvoraks Verleger Simrock hatte übrigens große Mühe, aus den tschechischen Psalmen eine deutsche sangbare Version herzustellen, da in beiden Sprachen Wortbetonung und Bedeutung sehr differieren, was auch Folgen für die Melodieführung der Singstimme hat. Otto singt die deutsche Version. Ein wirklich ungewöhnliches Album!"
Teresa Pieschacón Raphael












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