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„Der Klang der Viola ist einer Frauenstimme am nächsten, finde ich. Sie hat eine gewisse Tiefe und Rauheit“

Autorenbild: quintessenz
quintessenz
vor 23 Stunden
3 Min. Lesezeit

PROJEKT: Maria Callas - Leben und Leidenschaft der Belcanto-Heroine. Eine Lesung mit Musik.


Mit Mariko Hara (Viola), Sarah Tysman (Klavier) und Caroline Peters (Lesung).

Konzept: Christiane Lutz, Bearbeitungen der Arien für Viola und Klavier: Tristan Schulze Texte aus Eva Gesine Bauer, Maria Callas. Stimme der Leidenschaft. Musik von Camille Saint-Saëns, Jules Massenet, Vincenzo Bellini, Niccolò Paganini, Gaetano Donizetti, Giacomo Puccini, Pietro Mascagni und Vincenzo Bellini.



Was geschieht, wenn man sich einer der berühmtesten Stimmen der Operngeschichte nähert, ohne sie erklingen zu lassen? Wenn man Maria Callas nicht mit Gesang, sondern mit dem Klang einer Bratsche porträtiert? Die japanische Bratschistin Mariko Hara eröffnet mit diesem ungewöhnlichen musikalischen Ansatz einen neuen Zugang zur Welt der großen Operndiva. In einer literarisch-musikalischen Hommage wird die Viola zum Medium, um die Ausdruckskraft, die Leidenschaft und die Vielschichtigkeit von Maria Callas hörbar werden zu lassen.

Dass ausgerechnet die Bratsche den musikalischen Mittelpunkt dieses Projekts bildet, ist weit mehr als eine ungewöhnliche Besetzungsentscheidung. Für Mariko Hara liegt darin eine besondere Nähe zur Persönlichkeit und zur Stimme der Callas. „Der Klang der Viola ist einer Frauenstimme am nächsten, finde ich. Sie hat eine gewisse Tiefe und Rauheit“, erklärt die Musikerin. Gerade diese Eigenschaften erinnern sie an die Stimme der Sopranistin, die gleichermaßen durch Klarheit, Ausdruckskraft und eine außergewöhnliche emotionale Tiefe geprägt war.


Eine Imitation der Callas ist dabei ausdrücklich nicht beabsichtigt. „Maria Callas zu imitieren, das wäre gar nicht möglich“, sagt Hara. Vielmehr gehe es darum, dem Publikum die Möglichkeit zu bieten, „in Callas’ Welt einzutauchen“. Die Bratsche besitzt zwar weder die Ausdrucksmittel der menschlichen Stimme noch deren Text und Atemführung. Doch gerade in ihrer klanglichen Eigenständigkeit liegt ein besonderer Reiz: Sie kann die musikalische Welt der Callas auf eine andere Weise erschließen, ohne deren unverwechselbare Stimme ersetzen zu wollen.

Für Mariko Hara ist Maria Callas nicht nur die „Diva des Jahrhunderts“, sondern ein persönliches Idol. Bereits als Kind, im Alter von zehn oder elf Jahren, lernte sie die Oper und die Aufnahmen der Callas kennen. In ihrer Familie wurde viel Musik gemacht und gehört. Die Faszination ist geblieben. Was sie an der großen Sängerin besonders beeindruckt, ist deren außergewöhnliches Charisma auf der Bühne und die Intensität, mit der sie ihr Leben der Musik widmete. „Sie hatte ein volles Leben gelebt, mit und für Musik, mit allen Höhen und Tiefen; und diese spiegeln sich wiederum in ihrer Musik“, beschreibt Hara ihre Bewunderung.

Es ist diese Verbindung von Kunst und Leben, die auch den gedanklichen Ausgangspunkt der Hommage bildet. Maria Callas war eine Künstlerin, die sich kompromisslos auf ihre Rollen und deren emotionale Wirklichkeit einließ. Sie wollte mit ihrer Kunst niemanden gleichgültig lassen, sondern Menschen ergreifen und bis an die Grenzen ihrer Emotionen führen. Dafür ging sie Risiken ein, lotete die Möglichkeiten ihrer Stimme immer wieder neu aus und scheute auch vor ungewöhnlichen, mitunter unbequemen Tönen nicht zurück.

Die Biografin Eva Gesine Baur beschreibt diesen Mut zum Risiko als einen wesentlichen Schlüssel zum Verständnis der Künstlerin. Callas habe es gewagt, stimmlich an Grenzen und oft darüber hinauszugehen, sogar „hässliche Töne zu produzieren“. Auch darin zeige sich ihre Einzigartigkeit: in der Bereitschaft, für den künstlerischen Ausdruck etwas zu riskieren.

Eine verwandte Haltung zeigt sich in Mariko Haras Annäherung an die Callas. Auch sie wählt einen Weg jenseits gewohnter musikalischer Konventionen. Statt die berühmten Arien mit einer Gesangsstimme wiederzugeben, überträgt sie deren Ausdruckskraft auf die Bratsche. Ein ungewöhnlicher Zugang, der neue Perspektiven eröffnet. Denn es geht nicht darum, die Callas nachzuahmen, sondern ihre künstlerische Persönlichkeit und die emotionale Tiefe ihrer Interpretationen durch einen anderen Klang erfahrbar zu machen.

Für die Umsetzung des Programms mussten zunächst eigene musikalische Wege gefunden werden. Da es keine Bearbeitungen für Bratsche und Klavier gab, bat Hara den Arrangeur Tristan Schulze, neue Fassungen zu schreiben. „Ich bin wirklich glücklich mit dem Ergebnis“, sagt sie. Zugleich verbindet sie mit den Arrangements eine weiterreichende Hoffnung: Da die Bratsche über vergleichsweise wenig Repertoire verfügt, möchte sie mit diesem Projekt auch zur Erweiterung der Literatur für ihr Instrument beitragen. Begleitet wird sie von der Pianistin Sarah Tysman.


Doch es ist vor allem die Musik, die dieser Begegnung ihre besondere Gestalt gibt. Mariko Hara nähert sich der Callas nicht aus historischer Distanz, sondern aus einer tiefen persönlichen Verbundenheit mit ihrer Kunst. Die Bratsche wird dabei zum Resonanzraum für eine außergewöhnliche Künstlerinnenpersönlichkeit. In ihrem warmen, dunklen und bisweilen rauen Klang entdeckt Hara eine Verwandtschaft mit der Stimme der Callas – und zugleich die Freiheit, deren musikalische Welt auf ganz eigene Weise zu erschließen.

So wird die Viola nicht zur Ersatzstimme, sondern zu einer eigenständigen Erzählerin. Sie lässt Erinnerungen an berühmte Opernmelodien aufleben und eröffnet zugleich einen neuen, intimen Zugang zu deren emotionalem Gehalt. Eine Hommage, die nicht auf Ähnlichkeit oder Nachahmung setzt, sondern auf eine musikalische Begegnung zweier Künstlerinnen über die Grenzen von Zeit, Herkunft und Ausdrucksform hinweg.


Mariko Hara lädt dazu ein, Maria Callas neu zu hören – nicht mit der Stimme der Callas, sondern durch die eigene Stimme ihres Instruments.

 

 
 
 

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