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"ein interessantes, vielseitiges, gut gemachtes Liederalbum."

  • Klassik Heute
  • 9. Jan.
  • 2 Min. Lesezeit

Das Cover zeigt die beiden Künstler, mit Paketband umschlungen. Der Mann als zerbrechliche Fracht – mit ihrem bei Genuin erschienen Debüt-Album beleuchten der Bariton Lars Conrad und der Pianist Daniel Prinz das Männlichkeitsbild im deutschen Liedgesang. Ihr Programm „Männer. Zwischen Rausch und Verzweiflung“ schlägt einen Bogen von Brahms über Hugo Wolf bis zu Hanns Eisler. Hinter dem launigen Cover verbirgt sich durchaus ernste Kost. Ausganspunkt sind die Neun Lieder und Gesänge op. 32 von Johannes Brahms. Als der 31-jährige Junggeselle sie komponierte, steckte er in seiner hoffnungslosen Zuneigung zur Witwe Clara Schumann fest. Lars Conrad und Daniel Prinz entwerfen hier bedrückende Bilder der Einsamkeit und Zerrissenheit.


Wann ist der Mann ein Mann?

Das Album spiegelt die persönliche Identitätssuche der jungen Künstler wider, die ein festes Duo bilden und derzeit im Konzertexamen an der Berliner Musikhochschule „Hanns Eisler“ studieren. Sie beiden arbeiten sich ab am Männlichkeitsbild der romantischen Künstler, die sich als sensibel und schwärmerisch verstanden, aber zugleich vom Rollenbild des „starken Mannes“ und bürgerlichen Familienvaters geprägt waren.

Robert Schumanns Kerner-Liederzyklus op. 35 verdeutlicht, wie romantische Männerfreundschaften mit einer heute unvorstellbaren emotionalen und sogar körperlichen Nähe einhergingen. Die Lieder kreisen um Kameradschaft, gemeinsames Singen und Wandern, gegenseitige Inspiration. Würdevoll und feierlich geht es in der Hymne Auf das Trinkglas eines verschollenen Freundes zu.

Lars Conrad, der als Bariton ein recht helles Timbre an den Tag legt, erweist sich als mustergültiger Liedsänger. Er überzeugt durch feine Textverständlichkeit und nuancierte Phrasierung; Dynamik und Klangfarbe setzt er subtil ein. Daniel Prinz ergänzt ihn als einfühlsamer Klavierbegleiter.

Das Männerbild des extrovertierten, genussfreudigen und feierlustigen Trinkers malen drei Gesänge aus Hugo Wolfs Goethe-Liedern. Lars Conrad und Daniel Prinz unterstreichen das Vulgäre, Rabiate. Dabei nehmen die Sache etwas zu ernst, parodierte doch Goethe hier bürgerliche Moralvorstellungen, was von Hugo Wolfs Musik noch spöttisch verstärkt wird.


„Wein, Weib, Gesang“-Parodien

Ein schillerndes Bild von Männlichkeit zeigt sich in Hanns Eislers Anakreontischen Fragmenten, die 1943 im kalifornischen Exil entstanden. In diesen Miniaturen vertonte Eisler Verse von Eduard Mörike, der sich seinerseits bei dem griechischen Dichter Anakreon bediente. Der antike „Wein, Weib, Gesang“-Hedonismus ist in Eislers Vertonung nur noch bloße Hülle. Lieder wie Die Unwürde des Alterns zeigen Männer als zweifelnde, fragile, selbstironische Figuren.

Lars Conrad und Daniel Prinz gelingt hier eine angemessen klare, distanzierte Darstellung ohne pathetische Überhöhung. Sicher meistert Lars Conrad herausfordernde Sprünge und Dissonanzen. Daniel Prinz verlässt am Klavier die Begleiter-Rolle, um zu kommentieren und Spannung zu erzeugen.

Am Ende dieses klugen Programms steht der Hörer vor Anakreons Grab, der Nr. 29 aus Hugo Wolfs Goethe-Liedern. Mit fein gestalteten Kantilenen zeichnet der Pianist Daniel Prinz all die Ranken und Blumen nach, die das Grab überwachsen.

Lars Conrad und Daniel Prinz beweisen, dass das romantische Kunstlied nach wie vor als Spiegel für aktuelle Fragen dienen kann. Wie ernsthaft sie die Angelegenheit des Mann-Seins angehen, bezeugt ein immerhin sechsseitiges Interview, das vom Label Genuin online gestellt wurde. Wer sich für diese Problematik nicht so sehr interessiert, findet hier einfach ein interessantes, vielseitiges, gut gemachtes Liederalbum.

Antje Rößler



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